WER HÄTT´S GEDACHT? Unter   dem   Titel   Blume   persönlich   Von   Mythen,   Symbolen,   Duft   und   Liebe   widmet   sich   die   Ausstellung   auf Schloss   Trautenfels   dem   Thema   der   heimischen   Flora.   Viele   unterschiedliche   Aspekte   werden   beleuchtet:   Die Blume    in    ihrer    Ästhetik,    die    Blume    als    Spiegel    gesellschaftlicher    Entwicklungen,    politisches    Symbol    oder Ausdruck   menschlicher   Gefühle   –   von   Liebe   bis   Trauer,   von   Hoffnung   bis   Vergänglichkeit.   Die   Betrachtung   aus kulturhistorischer,   naturwissenschaftlicher   und   künstlerischer   Perspektive   zeigt   die   unendlich   vielen   Facetten der    Pflanzen    auf:    vom    wichtigen    biologischen    Wirkungsgefüge    bis    hin    zur    Inspiration    zu    künstlerischer Darstellung - und das bereits seit Jahrhunderten! In   der   Ausgewogenheit   brilliert   die   Ausstellung,   indem   sie   dem   Besucher   die   verschiedenen   Themengebiete Raum   für   Raum   näherbringt.   Und   es   ist   wirklich   sehr   viel   dabei:   Von   der   Narzisse,   die   in   der   Region   natürlich eine   besondere   kulturelle   Bedeutung   mitbringt   hin   zur   Blüte   als   Quelle   der   Inspiration   für   Handwerk   und   Ge- staltung.   Von   der   Blütenvielfalt   der   heimischen   Wiesen   hin   zu   floraler   Dekoration   als   Teil   historischer   Aus- schmückung   von   Alltagsgegenständen.   Daneben   muss   man   der   Ausstellungsgestaltung   eines   unglaublich   zugute halten:    Man    wird    nicht    bezüglich    Klimakatastrophe,    Umweltzerstörung    oder    Artensterben    durchgehend ermahnt,   belehrt   und   zurechtgewiesen.   Stattdessen   kann   man   sehr   viel   ohne   schlechtes   Gewissen   mitnehmen, auch weil die Präsentation äußerst ansprechend und einladend ist. Wer hätt`s gedacht?
NACH OBEN NACH OBEN
Viele   Kuratoren   gestalten Ausstellungen   so,   dass Alle   alles   mitmachen,   angreifen   und   interagieren   müssen,   weil man   das   eben   heutzutage   so   macht   …   In   dieser Ausstellung   aber   ergibt   das   einen   Sinn!   Sie   werden   erstaunt   sein, welche   Blumen   zu   welcher   Pflanzenfamilie   gehört,   wenn   Sie   am   Bildschirm   mitmachen.   Sie   werden   überrascht sein,   welche   Artenvielfalt   eine      magere,   ungedüngte   Wiese   bietet,   selbst   das   Gänseblümchen   -   als   selbstver- ständlich   im   Garten   eher   links   liegen   gelassen   -   erzählt   in   seiner   Symbolik   von   Reinheit,   Unschuld   und   Keusch- heit.   Da   spielt   sicher   auch   die   Farbe   weiß   ein   wenig   mit   …   Im   Zentrum   des   zweiten   Raumes   steht   eine   audio- visuelle   Installation,   in   der   verschiedene   Blüten   in   bewegter   Bildform   präsentiert   werden.   Begleitet   von   Insek- tengeräuschen   entsteht   eine   Situation,   die   zentrale   Elemente   einer   Blumenwiese   –   visuelle   Vielfalt,   Bewegung und   akustische   Präsenz   –   sinnlich   erfahrbar   macht.   Lassen   Sie   sich   überraschen,   welche   Pflanzen   beispielsweise auch zu den Rosengewächsen gehören! Und   während   man   sich   noch   über   den   Erkenntnisgewinn   des   einen   Raumes   freut,   überrascht   bereits   der   nächste. In   diesem   werden   die   chemischen   Verbindungen   aufgezeigt,   die   im   Blütengewebe   einer   Pflanze   gebildet   und   bei entsprechender Temperatur   und Tageszeit   an   die   Umwelt   abgegeben   werden.   Einfacher   ausgedrückt:   die   Blüten- düfte.   Was   für   Viele   zu   kräftig   ist,   zu   viel   auf   Dauer   wird,   wie   etwa   der   Duft   von   Lilien   in   Innenräumen,   ist   dazu gemacht,   den   Bestand   der   Blühpflanzen   zu   sichern:   Sie   werden   von   der   Luft   vertragen   und   dienen   als   Lockmittel für   Insekten   –   in   vielen   Weltgegenden   auch   für   Vögel   und   Fledermäuse   –,   damit   die   Tiere   die   duftenden   Blüten besuchen und damit die Fortpflanzung ermöglichen. 
Diese   sowohl   wissenschaftlichen   Erkenntnisse   als   auch   die   olfaktorisch   -   sinnlichen   Erfahrungen   sind   der   Botani- kerin   und   Expertin   für   Blütendüfte   Marie-Louise   Oschatz   geschuldet.   Erstmals   wird   in   dieser Ausstellung   ihre Ar- beit   einer   breiten   Öffentlichkeit   präsentiert.   Das   von   ihr   entwickelte   Klassifikationssystem   von   Blütenduft- familien   und   Blütengeruchsfamilien   führt   in   die   Welt   dieser   sensorischen   Wahrnehmung   ein.   Der   Bogen   von Düften    zu    Gerüchen    spannt    sich    weit:    von    Orangenblüte    zu    nasses    Hundefell,    von    Jasmin    zu    Gülle,    von gärendem   Fallobst   zu   Sperma.   Und   viele   der   Geruchsfamilien   kann   man   vor   Ort   auch   gleich   ausprobieren,   aber eben nicht alle … Über   die   Botanik   gelangt   man   zur   Symbolik,   der   nächste   Aspekt:   Es   gibt   viele   Situationen,   in   denen   wir   etwas „durch   die   Blume“   mitteilen   –   als   persönliche   Geste,   Ausdruck   von   Zuneigung,   in   alltäglichen   wie   besonderen Lebenssituationen.   Meist   werden   diese   Facetten   in   der   Ausstellung   durch   künstlerische   Ausformung   belegt.   Von Bauerntruhen,   über   Blumen-   und   Pflanzenmotive,   die   sich   auch   auf   Keramiken   finden,   über   einen   gehäkelten Blumenstrauß,   bis   hin   zu   den   Kappen   für   den   Steinacher   Glöcklerlauf.   Im   Zusammenspiel   der   Objekte   wird   deut- lich,   wie   Blumen   sowohl   im   unmittelbaren   Erleben   als   auch   in   dauerhaften,   gestalteten   Formen   präsent   sind   und unterschiedliche    Bedeutungsebenen    annehmen    können.    Sie    erscheinen    als    Geschenk,    als    Symbol    und    als wiederkehrendes Motiv im kulturellen Alltag.
Schloss Trautenfels als genialer Rahmen für eine Ausstellung. Fast ein Ort zum Verlieben, wie man auch diesem Deckenfresko entnehmen kann. Über die Geschichte, die sehr bewegt ist, informieren Sie sich am besten direkt vor Ort - wo das Wort zum Bild wird! Foto: der MÜRZPANTHER mit freundlicher Genehmigung des UMJ
Links: Die verschiedensten Blütenduftfamilien werden anhand von Geruchsproben erlebbar gemacht! Ein Beispiel: Der Duft von Tonkabohnen gehört zur Duftfamilie Kumarin. Sollte Ihnen die Tonkabohne nicht ganz so geläufig sein, so sei erwähnt, dass dieses Phenylpropanoid auch für den typischen Geschmack und Geruch des Waldmeisters verantwortlich ist. Und auch von Zimt! Oben: Wer sich ein wenig mit Pflanzensamen befasst, kennt die Vielfalt der Formen und Farben. Von winzig klein zu riesig, von dunkelschwarz zu hellorange! Fotos: der MÜRZPANTHER mit freundlicher Genehmigung des UMJ
Die Ausgestaltung des Badezimmers der Gräfin Anna Lamberg, Schloss Trautenfels um 1900, ist ein absolutes Highlight der Hochkultur. Man könnte diesem Kunstwerk auch im Louvre oder der National Gallery begegnen - neben intarsierten Tischen oder auf Ebene des Flügel Richelieu. Foto: der MÜRZPANTHER mit freundlicher Genehmigung des UMJ
Der   Ausstellung   gelingt   es   überzeugend,   nicht   das   Mitmach-Gefühl   in   den   Vordergrund   zu   stellen,   sondern   den Erkenntnisgewinn,   die   Wissensbereicherung.   Man   staunt,   man   freut   sich,   nimmt   sehr   viel   mit   und   der   Rahmen   in Schloss   Trautenfels   könnte   schöner   gar   nicht   sein.   Bei   der   Dauerausstellung   im   Landschaftsmuseum   weiß   man nicht,   wohin   man   seine   Blicke   zuerst   wenden   soll:   hoch   zu   den   herausragenden   Deckenfresken   oder   in   die Schaukästen   zu   Natur-   und   Kulturgeschichte   des   steirischen   Ennstales,   des   Paltentales   und   des   Ausseerlandes. Und   letztlich   muss   man   doch   den   Heimweg   antreten,   verlässt   das   Schloss   und   sieht   sich   noch   einmal   dem Grimming gegenüber … was für eine Erzählung!