der muerzpanther
ERNEUERBARE ENERGIE - ZU WELCHEM PREIS? Mit   der   Suche   und   Erschließung   erneuerbarer   Energiequellen   müsse   vor   allem   auch   die Erkenntnis    einhergehen,    dass    Wachstum    endlich    ist.    " Wir    schaffen    es    mit    dem   Ausbau erneuerbarer     Energien     nur     mangelhaft,     konventionelle     Energiequellen     wirklich     zu ersetzen ",   stellte   Singer   fest   und   fuhr   fort:   " Energie   ist   ein   kostbares   Gut,   das   wir   nicht unendlich   produzieren   können" .   Die   Menschheit   müsse   lernen,   dass   es   Grenzen   gäbe   -   unter Wissenschaftern spreche man von der "Tragfähigkeit des Systems". Die   benötigte   Energie   für   den   in   Zukunft   steigenden   Energiebedarf   soll   größtenteils   aus Wasserkraft,   Windenergie   und   Sonnenenergie   stammen,   deren Anteil   von   derzeit   43   auf   100 Prozent   steigen   soll.   Doch   der   "grüne   Strom"   steht   einer   potenziell   irreversiblen   Zerstörung von   Ökosystemen   gegenüber,   warnte   der   Ökologe   Gabriel   Singer   und   anstatt   Autonomie anzupeilen,   müsse   überregional   gedacht   werden:   Wo   sind   Kraftwerksbauten   sinnvoll   und   wo richten   sie   den   geringsten   Schaden   an?   Denn   solche   Eingriffe   in   die   Natur   und   vor   allem   in Flüsse   bedingen   einen   dramatischen   Verlust   an   Biodiversität.   " Eingriffe   in   Fließgewässer   - wie   etwa   Kraftwerksbauten   -   können   sich   weit   über   den   lokalen   Standort   hinaus   auswirken, denn   ein   Bach   oder   ein   Fluss   kann   nicht   isoliert   betrachtet   werden,   sondern   als   Teil   eines großflächig   verzweigten   Netzwerks ",   meint   dazu   der   Ökologe,   Univ.   Prof.   Gabriel   Singer   von der   Uni   Innsbruck.   Schon   angesichts   des   derzeitigen   hohen   Ausbaugrades   an   Wasserkraft   in Tirol   sei   man   jedenfalls   in   einem   " Stadium   angelangt,   bei   dem   ich   einen   weiteren   Ausbau nicht reflexartig als 'grün' bezeichnen kann" , kommentierte Singer.
 NACH OBEN NACH OBEN
ACHTUNG! Dieser Artikel enthält folgende Ausdrücke:
Die   wenigsten   Flüsse   und   Bäche   in   Tirol   und   in   Österreich   haben   noch   einen   natürlichen Lauf,   einen   unveränderten   Wasserhaushalt   und   einen   intakten   Sedimenttransport,   erläutert der   Wissenschafter.   Auch   wenn   die   mit   150   Kilometer   längste,   frei   fließende   Strecke   eines Flusses   in   Österreich   mitten   in   Tirol   liegt,   erreiche   der   Inn   hier   aufgrund   starker   Verbauung und   Schwallbetrieb   flussauf   liegender   Kraftwerke   nur   einen   maximal   als   "mäßig"   beurteilten ökologischen   Zustand.   Ökologisch   völlig   intakte   Flüsse,   die   die   „landschaftlichen   Schätze“ einer   Region   darstellen,   bedürfen   eines   klar   definierten   Schutzstatus,   der   in   Zukunft   auch eingehalten werden muss. dMP: Wie schaut für Sie landschaftlicher Schutz aus? Prof.   Gabriel   Singer:   Gesetzlich   betrachtet   gibt   es   klar   definierte   Schutzgüter.   Das   sind   idR ausgewiesene    Arten,    deren    Vorkommen    ein    Schutzgebiet    bedingt.    Diese    sind    in    der Natura2000 Richtlinie festgehalten. Dieses   System   hat   Vor-   und   Nachteile.   Ich   persönlich   frage   mich   vor   allem   wie   wir   mit diesem   Konzept   Schutzgebiete   in   die   Zukunft   bekommen,   wenn   der   Klimawandel   zum   Bei- spiel   ganze   Artengemeinschaften   (und   damit   Schutzgüter)   wandern   lässt.   In   dieser   Hinsicht müssen   wir   dann   wohl   Landschaften   unter   Schutz   stellen,   wenn   sie   das   Potential   haben Biodiversität   aufrechtzuerhalten   oder   auch   -   durch   Evolution   -   zu   bilden.   Das   bedeutet   auch typische Landschafts-Prozesse und -Strukturen wie fließendes Wasser zu erhalten.
dMP:   Ihr   Innsbrucker   Kollege,   Dr.   Wohlfahrt   hat   in   einer   Studie   über   den   Albedo   Effekt festgestellt,   dass   kleine   Wasserkraftwerke   ein   ungünstiges   Verhältnis   von   Stromerzeu- gung   zu   Stauseeoberfläche   haben.   Ist   es   angesichts   dessen   nicht   verwegen,   von   der Landesregierung weitere Klein- und Regionalkraftwerke errichten zu wollen? Prof.   Gabriel   Singer:   Dieser   Effekt   weist   für   kleine   Kraftwerke   rein   physikalisch   bereits   eine schlechte   Klimabilanz   aus.   Kleine   Kraftwerke   haben   aber   auch   über   diesen   Albedo-Effekt hinaus   ein   ökologisch   sehr   hohes   Schadenspotential,   idR   größer   als   jenes   von   größeren Kraftwerken   wenn   man   den   Schaden   am   Strom-Output   bemisst.   Da   unser Ausbaugrad   bereits so   hoch   ist,   müssen   diese   Kleinkraftwerke   in   die   letzten   Schutzgebiete   gebaut   werden.   "Ver- wegen"   ist   vielleicht   nicht   das   richtige   Wort.   Vielleicht   einfach   "ineffizient"   und   "unschlau" wenn man die geringe Strommenge den Schäden und der Klimabilanz gegenüberstellt. dMP:   Haben   Sie   Studien   über   die   ökologischen Auswirkungen   konkret   in   Tirol   der   in   der näheren Vergangenheit umgesetzten Staustufen? Prof.   Gabriel   Singer:   Nein.   Viele   durch   Kraftwerke   herbeigeführte   ökologische   Veränder- ungen    sind    augenscheinlich    und    wurden    bereits    vielfach    dokumentiert.    Beispielsweise verursacht   der   Schwall-Sunk-Betrieb   für   die   Produktion   von   Spitzenstrom   ganz   offensicht- liche   Herausforderungen   für   die   Jungfischfauna.   Staumauern   sind   offensichtliche   Wander- ungshindernisse.    Und    Wasserausleitungen    aus    diversen    Hochtälern    um    Speicherseen    zu füllen      lassen   Fließgewässer   schlicht   verschwinden.   Auswirkungen   existieren   sowohl   lokal, also   wo   immer   ein   fließender   Gewässerabschnitt   zum   Stausee   wurde,   als   auch   regional,   d.h. mitunter   weit   entfernt   vom   eigentlichen   Kraftwerk   oder   einer   Stauhaltung.   Eine   lokale Auswirkung ist zum Beispiel veränderte mikrobielle Aktivität. dMP: Welche „mikrobielle Aktivität“ entsteht durch Staustufen? Prof. Prof. Gabriel Singer: Ich kann hier nur ganz grobe Aussagen treffen: 1)   Die   Residenzzeit   steigt,   d.h.   Wasser   steht   länger   in   der   Landschaft.   Das   fördert   prinzipiell biologische    Vorgänge,    Algenblüten    (auch    durch    toxische    Cyanobakterien)    genauso    wie mikrobiellen Abbau eingetragenen Materials. 2)   Im   Zusammenhang   mit   Stauhaltungen   wissen   wir   vor   allem   von   verstärkter   Produktion von   Treibhausgasen,   v.a.   Bildung   von   Methan.   Wieviel   Methan,   das   25-mal   klimaschädlicher als   CO2   ist   und   den   vermeintlichen   Klimavorteil   des   'grünen   Stroms'   zunichte   macht,   dann tatsächlich   in   die   Atmosphäre   ausgast,   ist   sehr   abhängig   vom   Kontext   (Klima,   Nährstoffver- sorgung,   Tiefe   der   Stauhaltung,   Produktivität)   aber   auch   des   Nutzungsregimes   (zB.   Tiefen- wasserablass   führt   zu   starken   Methanemissionen   nach   den   Turbinen   durch   die   Entnahme   des Wassers aus großer Tiefe und den Druckverlust).
dMP:   Wo   und   wie   wären   Kraftwerksbauten   sinnvoll?   Was   bedeutet   in   diesem   Zusammen- hang „geringster“ Schaden? Prof.   Gabriel   Singer:   Wahrscheinlich   sollten   wir   das   Wort   "sinnvoll"   nur   im   Rahmen   von Modernisierungen   bestehender   Kraftwerksbauten   verwenden.   Sicher   gibt   es   auch   noch   den einen   oder   anderen   ohnehin   schwer   verbauten   Fluss   wo   es   quasi   ohnehin   schon   egal   ist. Aus Sicht   der   Biodiversität   und   des   Naturschutzes   ist   aber   fast   jeder   weitere   Ausbau   kontra- produktiv.   Sie   können   allenfalls   eine   Liste   an   Projekten   heranziehen   und   eine   Reihung   von schwer    schädigend    bis    weniger    schädigend    produzieren.    Solche    Ranglisten    könnten    auf größerem   räumlichen   Maßstab,   zB.   Bundesland   oder   Region,   sinnvoll   sein:   eine   transparente Gegenüberstellung    von    Stromgewinn    und    erwartbarem    ökologischen    Schaden,    örtliches Interesse, etc. dMP:   Ist   das   Verschwinden   der   heimischen   Fischarten   nicht   vor   allem   der   Vergangenheit geschuldet? So lange müssen Fischtreppen noch nicht verpflichtend eingebaut werden! Prof.    Gabriel    Singer:    Wir    Ökologen    gehen    leider    ohnehin    oft    von    einer    sogenannten "Aussterbensschuld"   aus.   Es   liegt   tatsächlich   der   Verdacht   nahe,   dass   viele   Arten   gerade noch   überleben,   aber   im   Prinzip   in   einer   Situation   sind,   die   kein   langfristiges   Überleben zulässt.     Fragmentierung     von     Lebensräumen     könnte     genau     ein     dahinterstehender Mechanismus   sein,   weil   sie   fördert   das   lokale   Aussterben   und   verhindert   Wiederbesiedlung. Empirische   Evidenz   hierfür   ist   schwierig   zu   generieren,   Aussterben   ist   ein   mitunter   länger dauernder Prozess.
dMP:   Wie   sieht   eine   „projektabhängige“   Beurteilung   für   die   Errichtung   von   Kraftwerken aus und welche Fachrichtungen werden vom Land diesbezüglich mitgenommen? Prof.     Gabriel     Singer:     Das     ist     im     Grunde     die     Arbeit     von     ökologisch-technischen Ingenieurbüros.   Im   Grunde   muss   dies   immer   projektabhängig   gemacht   werden,   wird   aber wissenschaftlich   noch   nicht   abgesichertes   Wissen   wie Albedo-Effekte   oder   Methanausgasung oder   über   lange   Zeiträume   wirkende   Fragmentierungseffekte   nicht   beinhalten.   Bis   aktuelle Wissenschaft    in    gesetzliche    Normen    Eingang    finden,    vergehen    Jahrzehnte.    Ich    bin Wissenschafter   und   sehe   uns   den   dramatischen   Biodiversitätsverlust   nicht   aufhalten,   auf vielerlei   Fronten   wie   in   der   Landwirtschaft   -      nicht   mit   der   derzeitigen   politischen   Haltung. Wenn   ein   kleines   technisches   Büro   eine   UVP   übernimmt,   kann   es   maximal   auf   Seite   der ökologischen    Ausgleichsmaßnahmen    etwas    herausholen.    Wenn    dieses    Büro    ein    Projekt aufgrund   zu   erwartender   ökologischer   Schäden   negativ   begutachtet,   dann   war   das   wohl   sein letztes   Gutachten.   Sie   werden   also   am   Ende   fast   jedes   Kraftwerk   positiv   begutachten   und eine   Renaturierung   anderswo   rausholen.   Ausgleichsmaßnahmen   sind   schön   und   gut,   auch Renaturierungen   sind   eine   tolle   Sache   und   generieren   Arbeitsplätze.   Trotzdem   ist   es   immer schlauer   ein   intaktes   System   zu   erhalten   als   zu   versuchen   ein   kaputtes   wieder   herzurichten. Gemessen   an   ökologischer   Integrität   und   Biodiversität   ist   letzteres   ungleich   aufwendiger und oft funktioniert es gar nicht. dMP:   Anstatt   mehr   Energie   zu   erzeugen   –   gibt   es   den   besseren   Weg   des   Einsparens? Oder Verzicht? Prof.   Gabriel   Singer:   Sie   kennen   die   Kryptowährung   Bitcoin?   Der   globale   Stromverbrauch   für die   Aufrechterhaltung   dieses   mittlerweile   fast   reinen   Spekulationsmittels   liegt   bei   jährlich 180   TWh.   Das   ist   der   dreifache   jährliche   Stromverbrauch   Österreichs.   Auf   was   müssten   wir wirklich   verzichten   wenn   unsere   Politik   diese   Form   des   Energieverschwendens   eindämmen würde?    Verzicht    heißt    ja    nicht    Beatmungsmaschinen    für    Covid-Kranke    ausschalten    zu müssen!   Würde   mich   mal   interessieren,   was   alleine   die   Bürger   Österreichs   über   Bitcoin   für einen Stromverbrauch generieren... dMP: Herzlichen Dank für das Interview!
Landschaftliche   Schätze   sind   noch auffindbar.     Im     Bild     ein     relativ naturbelassener      Abschnitt      der Mürz - vor einer Staustufe! Foto: der MÜRZPANTHER
Turbinen   entnehmen   aus   großer   Tiefe das   Wasser,   was   zu   stärkeren   Methan- emissionen führt.