der muerzpanther
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dMP:   Wie   ist   das   Projekt   zustandegekommen,   was   ist   in   den   letzten Tagen entstanden? Helmut    Kahlert:    Der    Bahnhof    gab    den    Anlass    und    dabei    speziell    der Zugang zu dem Raum.     The    Bassenger:    Ich    hatte    die    Idee,    in    Klausur    zu    gehen    um    die wöchentlichen   Proben   einfach   einmal   zu   durchbrechen.   Ich   wollte   mich auch   sehr   intensiv   damit   befassen   -   für   mich   eine   Premiere   -   da   ich einige   Musikprojekte   habe.   Durch   das   Jam   Kollektiv   The   Unknown   Lovers kenne    ich    Helmut    aus    der   Arena    -    im    Proberaum    der   Arena    kommen zwischen   zwei   und   zehn   Musiker   zusammen   und   es   entsteht   großteils improvisierte    Musik.    Ich    spiele    auch    Post    Rock    und    experimentelle G`schichten.   Mir   gefällt   hier,   dass   die   Genregrenzen   etwas   aufgeweicht sind    und    man    es    einfach    fließen    lassen    kann.    Ich    habe    dann    Gilbert (Anm.:    Gilbert    Medwed)    gefragt,    ob    wir    zusammen    etwas    machen könnten.   Er   hat   uns   dann   das   hier   organisiert,   wobei   das   Neuberg   Colleg uns dankenswerterweise den Bahnhof zur Verfügung gestellt hat. dMP     zu     The     Bassenger:     Du     spielst     Gitarre     und     auch     andere Instrumente? The Bassenger: Ich spiele Bass ! ! !  Gilbert Medwed -   scherzhaft:   Dann brechen wir das Interview jetzt ab!  Helmut: Einigen wir uns auf Bassgitarre!    The   Bassenger:   Ich   spiele   nicht   nur   Bass:   E-   D-   G-   A,   sondern   arbeite auch    mit    der    Stimme;    Darüberhinaus    finde    ich    spannend,    dass    das Effektpedal    einen    ziemlich    guten    Synthesizer    ergibt,    dabei    setze    ich mich     mit     den     Signalen     auseinander,     wodurch     ich     den     Ton     total verfremden   kann.   Ich   finde   es   interessant,   wenn   es   nicht   mehr   nach   Bass klingt.    Da    ist    es    hilfreich,    wenn    Leute    dabei    sind,    die    auch    gerne improvisieren. dMP: Mit welchen Erwartungen seid ihr nach Neuberg gekommen? The   Bassenger:   Ich   habe   im   Vorfeld   bereits   ein   paar   Ideen   gehabt,   die ich    umsetzen    wollte.    Aber    nicht    mit    dem    Zwang,    es    einzuspielen, sondern    es    wäre    nett,    wenn    ...    Ich    wollte    ursprünglich    auch    den Kontrabass    mitnehmen,    habe    ihn    aber    zu    Hause    gelassen,    was    im Nachhinein    eine    gute    Entscheidung    war.    Die    Richtung    hat    sich    erst herauskristallisiert   als   wir   da   waren      -   durch   den   Ort,   mit   den   offenen Variablen.   Es   war   interessant,   wie   wir   interagieren   werden   -   musikalisch und   menschlich.   Diese   Variablen   haben   sich   nach   und   nach   definiert. Szenisch    war    es    so:    Wir    sitzen    am    Bahnsteig    und    warten    -    auf
Geisterzüge    und    wir    bauen    Soundtracks.    Das    klingt    wahrscheinlich furchtbar    kitschig    -    wir    sind    hier    in    den    Pausen    gesessen,    sind    dann wieder in den Warteraum zurück und haben geschaut, was passiert.    Gilbert:   Zur   Entstehung:   Ich   war   mit   Miriam   (Anm.:   Miriam   Jesacher   von ANONIM)   im   März   zum   ersten   Mal   da   und   kam   in   das   Gebäude   und   wußte natürlich   vom   Neuberg   College,   die   im   August   hier   Workshops,   Kurse   und Vorträge     aus     den     Richtungen    Architktur,     Literaturwissenschaft     und bildender    Kunst    veranstalten.    Dadurch    hat    sich    für    uns    der    Zugang ergeben,   dass   es   ein   sehr   definierter   Raum   ist   -   weil   im   August   viele Menschen,   die   jetzt   gar   nicht   anwesend   sind,   involviert   sind.   Daneben wird   das   Bahnhofsgebäude   umgebaut.   Das   ist   eine   große   Vielfalt,   die anfänglich    gar    nicht    leicht    zu    fassen    ist.    Die    andere    Seite    ist    der Warteraum,     der     mich     der     Akustik     und     seiner     Schönheit     wegen beeindruckt hat: Die Decke, die Glasfenster, ...  Helmut: Er ist leer ...    Gilbert:   Er   ist   leer   und   es   war   gleich   zu   bemerken,   dass   der   Hall   in   dem Raum   -   das   reverb   -   sehr   ausgeglichen   ist   -   für   so   einen   hohen,   großen, leeren   Raum!   Das   bedingt   die   Holzdecke   und   genau   das   eignet   sich   zum Musikmachen,   weil   man   nicht   mit   dem   Lineal   ausmessen   muss,   welches Instrument   wo   steht.   Man   bekommt   keine   unangenehmen   Flatterechos. Das   lädt   ein,   Musik   zu   machen.   Die   Idee   war   da   und   Miriam   hat   gemeint, dass   es   erwünscht   ist,   wenn   sich   der   Raum   auch   zu   Zeiten   ausserhalb   des Neuberg   College   öffnet   -   für   Aktivitäten,   die   per   se   nicht   zum   Neuberg College   gehören,   weil   das   auch   der   Raumnutzung   und   auch   dem   Auftrag von Seiten der Gemeinde entspricht.  Helmut: Wir wollten etwas Neues.  Gilbert: Und so sind wir hierher gekommen. dMP: Wie hat sich das Gebäude in der Musik umsetzen lassen? Helmut:   Indirekt;   Wir   haben   drei,   eigentlich   vier   Tage   herum   -   laboriert und    ausprobiert,    welche    Instrumente    überhaupt    zum    Einsatz    kommen und    verwendet    werden    können.    Musik    ist    in    solchen    Rahmen    eher abstrakt,   weil   es   nicht   überall   in   genau   der   gleichen   Form   stattfinden kann   und   weil   auch   der   zugehörige   Lifestyle   nicht   überall   möglich   ist. Man   kann   hier   spazieren   gehen,   abhängen   und   auch   in   die   Mürz   baden gehen!    Das    sind    Möglichkeiten,    die    dazu    beitragen,    dass    es    sehr abwechslungsreich und gestreut ist - im Ergebnis!
dMP:   War   das   eine   besondere   Erfahrung,   die   etwas   hinterlassen   wird? Unterscheidet sich das komplett von Eurem Alltag? The   Bassenger:   Hier   gehe   ich   fast   wie   ein   "Schwamm"   durch   die   Gegend und   sammle   Eindrücke   ein,   komme   dann   in   den   Warteraum   und   drücke den   Schwamm   aus.   Es   entwickelt   sich   dann   ein   Text,   eine   Stimmung, Klänge   oder   Echos.   Für   Wien   werden   wir   vieles   mitnehmen   können,   was hier   entstanden   ist.   Hier   spielen   das   Gebäude,   die   Geschichte   und   die Züge   hinein,   auch   die   Mürz,   die   fließt.   Das   ist   etwas,   was   ich   auch   in   der Arena   verspüre:   das   Fließen,   das   Wasser   und   die   Fische.   Hier   ist   es   ein Fluss,   der   in   die   Donau   fließt   und   in   das   Schwarze   Meer   mündet   -   das verbindet   sich,   wodurch   interessante   Synergien   enstehen,   wenn   man   sie finden will.    Gilbert:   Für   mich   hat   es   sich   bemerkbar   gemacht,   dass   es   ein   Ort   ist, der   kreativ   geprägt   und   künstlerisch   ist.   Es   gibt   Situationen,   wo   man   in einem   Privathaus   in   Proberäumen   spielt   und   dann   hinausgeht   und   die ganz   normale   Welt   vorfindet.   Das   kann   dann   manchmal   auch   schwierig werden.   Hier   wissen   wir,   dass   auf   vielen   Feldern   experimentiert   wird und der Bahnhof auch ein Begegnungsort ist ...    Helmut:   ...   und   man   plötzlich   in   ein   Kunstgespräch   verwickelt   wird   ... meint damit mich ...  )                              - Lachen - ...   wodurch   man   spontan   mit   auch   kunstaffinen   Menschen   in`s   Gespräch kommt.   Das   ist   ein   sehr   erfrischender   Input.   Dabei   entsteht   etwas,   das man   überhaupt   nicht   kontrollieren   kann:   Bis   hin   zu   einem   Konzept,   das man vorher nicht hatte.
   Gilbert:   Es   macht   die   Mischung.   Einerseits   ist   das   kein   Elfenbeinturm   - eine   elitäre   abgehobene   Sphäre,   sondern   es   kommen   Einheimische   und auch   Asylwerber   vorbei,   die   hier   Möglichkeiten   finden,   anzudocken.   Das macht   eine   spannende   Stimmung   und   diese   wirkt   sich   aus.   Am   zweiten Tag   haben   wir   das   bereits   gemerkt   und   es   hat   sich   auf   das   Musizieren niedergeschlagen.   Es   würde   sicher   länger   dauern,   dass   man   ganz   direkt mit   den   Menschen   hier   vor   Ort,   mit   dem   Soziotop   konkret   in   der   Musik etwas   machen   kann,   aber   ich   habe   auch   in   deinen   Texten   wendet   sich zu Bassenger  ) gemerkt, wie präsent der Ort war.   dMP:   Neuberg   ist   musikalisch   eigentlich   eher   klassisch   mit   Bruckner in   den   Kulturtagen   bzw.   Volksmusik   geprägt,   habt   ihr   den   Eindruck, dass Eure Musik  konsumiert werden kann? Helmut:        Wenn    Bruckner    konsumiert    werden    kann,    können    wir    auch konsumiert werden!                        -   Lachen   - dMP: Wie kann man das tun? Gilbert:     Wir     wurden     vom     Neuberg     College     eingeladen,     etwas     zu hinterlassen.   Was   es   konkret   von   uns   geben   wird,   wissen   wir   nicht.   Es wird   Musik   sein,   es   wird   Ton   sein   und   es   wird   Bild   sein:   Das   heißt,   man wird   vorfinden   und   sehen   können,   was   im   Warteraum   passiert   ist.   Das wird sehr greifbar sein.
SOUNDTRACKS FOR GHOSTTRAINS ist   das   Projekt,   das   über   die   Initiative   des   Neuberg   College   im   Bahnhof   Station   machte.   Es hat   mit   Improvisation   zu   tun,   mit   ungewöhnlichem   Einsatz   der   Instrumente   und   natürlich hat   der   Wartesaal   einen   großen   Einfluss   -   auf   die   Stimmung   und Akustik.   Drei   Musiker   -   Bass, Synthesizer   und   Schlagzeug   waren   am   Werk.   The   Bassenger   (Name   der   Redaktion   bekannt), Helmut   Kahlert   und      Gilbert   Medwed   kennen   sich   bereits   durch   die   Zusammenarbeit   aus   der Arena   in   Wien   -   vom   Jam   Kollektiv   The   Unknown   Lovers .   Eine   Woche   lang   wurde   gejamt, improvisiert   und   entwickelt   mit   einem   Ergebnis,   das   dem   Neuberg   College   vorliegt   und   auch zur Präsentation zur Verfügung steht. Ich   habe   es   leider   verabsäumt   zur   rechten   Zeit   am   Bahnhof   zu   sein   -   projektiert   war   ein Ausschnitt   daraus.   Aber   ich   bin   sicher,   dass   Teile   des   235   GB   umfassenden   Materials   an   die Öffentlichkeit gelangen werden. Der   Bahnhof   hat   zu   seinem   140.   Geburtstag   auf   jeden   Fall   noch   einmal   gänzlich   Neues erlebt,   der   Mürzpanther   hat   ein   Interview   mit   den   Musikern   geführt   und   viel   über   Akustik, Improvisation und Musikpraxis erfahren.
Die    Vorbereitung    und    der Beginn      …      Video      vom Musikerkollektiv                 - geisterhaft     wirken     dabei nicht   nur   die   „trains“,   die vorbeikommen      und      für eine Woche Halt machen!
Es   wird   wohl   ein   klein   wenig   auch mit     Utopie     zu     tun     haben,     das Ergebnis der Arbeit … Von links: Gilbert Medwed on drums Mitte:     The     Bassenger:     Bass     und Stimme, und Helmut       Kahlert       an:       Sampler, Sequencer, Synthesizer und Gitarre.
dMP: Soll das im Rahmen des Neuberg College eingebaut werden? Miriam   Jesacher:   Wir   werden   das   im   Rahmen   der   Veranstaltungen   an   den Wochenenden auch bringen.     Gilbert:    Wir    werden    aber    nicht    in    dieser    Formation    beim    Neuberg College spielen. Aber es wird etwas von diesem Werk präsentiert.    Helmut:   Auch   dabei   spielt   der   Raum   eine   große   Rolle,   weil   wir   viele Videoaufnahmen   gemacht   haben.   Dazu   haben   wir   aber   ausser,   dass   wir ein   bisschen   Licht   gemacht   haben   an   dem   Raum   selbst   nichts   verändert. Weil    die    eigene    Optik    der    Holzdecke    und    der    Bahnhofsbänke    an    den Wänden    für    sich    spricht;    auch    müssen    die    Musikaufnahmen    vorher gesichtet und geschnitten werden.    Gilbert:   Es   sind   235   Gb   Material   -   angehäuft!   Wir   haben   ehemals   mit Magnetbändern   angefangen,   über   die   ersten   digitalen   Formate,   wo   wir um   Platz   zu   sparen   die   Auflösung   total   runtergeschraubt   haben   und   weil es   jetzt   möglich   ist,   derartige   Datenmengen   zu   generieren,   generieren wir sie auch.    Helmut:   Der   Sampler,   der   drinnen   gestanden   ist,   ist   noch   aus   den   90er Jahren und hat als Speichermedium lediglich 1,4 Mb.     The   Bassenger:   Umgelegt   sind   die   Aufnahmen   zu   22   Stunden   Material geworden.    Gilbert:   Wir   haben   schon   ein   wenig   hineingehört   und   festgestellt,   dass man   tatsächlich   diesen   Raum   hört.   Es   gibt   die   Schwelle,   wo   Du   beim Anschlag   unter   dem   Reverb   bleibst   und   irgendwann   begint   der   Raum   zu antworten.    Ab    einer    gewissen    Anschlagsstärke    bekommt    man    eine hörbare Rückmeldung. Genau das ist der Raum!
    Helmut:    Reverb    ist    auch    eine    Vielzahl    von    Reflexionen,    die    sich summieren   und   insgesamt   den   Hall   bilden.   Hier   im   Wartraum   wird   er klein gestreut.    Gilbert:   Da   wir   von   der   elektrisch   verstärkten   Richtung   kommen,   haben wir    Volumenpegel    entwickelt,    die    ein    Orchester    erreicht.    Wir    haben immer   wieder   von   sehr   leisen   Stellen   bis   dorthin,   wo   die   Bausubstanz mitschwingt,   wo   die   Fenster   anfangen   mitzuresonieren   und   die   Bässe   in den   Fenstern   zu   hören   sind,   gespielt   und   auch   ausgelotet,   wie   weit   man gehen kann. Die Grenze waren die eigenen Ohren.     Helmut:    Bestimmte    Lautstärkepegel    sind    notwendig    für    bestimmte Klangeindrücke,   die   man   anders   nicht   erreichen   kann.   Wenn   man   aber auch    mit    Flächen    arbeitet    -    Effekte    beim    Bass    oder    auch    beim Synthesyzer   -   dann   bildet   das   einen   Lautsärketeppich,   auf   den   sich   auch noch   Einzelereignisse   draufsetzen   können.   Damit   hebt   man   dann   auch das     Mögliche     und     man     kann     auch     im     Wartessal     lautere     Musik konsumieren. dMP: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Die Musiker am Set. Im Raum. In der Wartehalle. Mit Reverb. Foto: Miriam Jesacher.