der muerzpanther
DIE GRAFISCHEN ASPEKTE IM GEÄST             Es    mutet    wie    die    Verbindung    zweier    Zuneigungen    an:    die    zur    Natur    und    die    zur Fotografie.     Besucht     man     die     neulich     eröffnete     Ausstellung     der     Kulturvermittlung Steiermark,   bleibt   man   schnell   bei   den   Fotos   von   Silvia   Hänni,   Fotografin   aus   der   Schweiz, hängen.   Mich   haben   sofort   der   grafische   Aspekt   angesprochen,   zweimal   hinschauen   zu müssen und die Sicht auf die Natur: Ein    Wasserlauf    vielleicht,    ein    Ast    und    Wind    und    all    die    Situationen,    die    sich    nicht wiederholen.   Es   ist   auch   die   malerische   Komponente,   die   mir   so   gut   gefällt   inmitten   der Vielfaltigkeit der Ausstellungsexponate in der Fotogalerie im Grazer Rathaus. Bezugnehmend   –   auch   im   Titel:   er   und   ich   –   auf   die   Abschiedsausstellung   von   Erich   Kees, dessen   Kurse   Silvia   Hänni   gerne   besucht   hat,   wird   es   auch   zu   einer   Hommage.   Mehr   darüber hat der MÜRZPANTHER in einem spannenden Gespräch mit der Fotografin erfahren. 
ACHTUNG: Dieser Artikel enthält folgende Ausdrücke:
dMP:   Gibt   es   für   Sie   historisch   gesehen   so   etwas   wie   „den   Fotografen“?   -   Gerade   in   der Schweiz gibt es eine Unzahl an berühmten Fotografen. Silvia   Hänni:   Für   mich   gibt   es   das   nicht.   Die   ersten   mir   bekannt   gewordenen   Fotografen waren   Henri   Cartier-Bresson,   René   Burri,   Gotthard   Schuh   und   Werner   Bischof.   Bei   uns zuhause   stand   ein   Buch   mit   Kinderportraits   aus   der   ganzen   Welt   von   diesen   Fotografen.   Als ich   meinen   ersten   s/w   Entwicklungs-   und   Bearbeitungskurs   machte   war   natürlich   auch   von Ansel Adams die Rede. dMP:   Existiert   für   Sie   das Thema   Fotografie   als   „Dokumentation“   oder   als   künstlerischer Ausdruck – oder irgendwo dazwischen? Silvia   Hänni:   Auf   Reisen   versuche   ich   nicht   Gebäude   dokumentarisch   festzuhalten,   sondern Eindrücke   in   dem   Land   zu   sammeln.   Das   können   auch   Gebäude   in   besonderem   Kontext   sein oder   Details   davon.   Ich   bin   zu   wenig   genau   für   die   Dokumentationsfotografie   und   sie interessiert mich in dem Sinn auch nicht. dMP: Was ist Ihr künstlerischer Zugang oder Aspekt in den Fotografien?   Silvia   Hänni:   Was   mir   wichtig   ist   und   was   mich   anspricht.   Das   versuche   ich   umzusetzen.   Es hat    sich    im    Laufe    der    Zeit    auch    verändert.    Meine    Stimmung    beeinflusst    die    Bilder. Fotografieren ist für mich, wie versinken in eine andere Welt, wie meditieren. dMP:   Was   ist   der   Reiz   des   s/w?   Welche   Möglichkeiten   setzen   Sie   im   Gegensatz   zu   Farbe damit um? Silvia   Hänni:   Seit   dem   digitalen   Zeitalter   fotografierte   ich   nicht   mehr   in   s/w.   Auf   die Jubiläumsausstellung   hin   habe   ich   s/w   neu   entdeckt.   Mit   dem   Ausklammern   der   Farbe wollte   ich   nur   Form,   Struktur,   Muster   festhalten.   Es   sollte   nicht   auf   den   ersten   Blick   erkannt werden,   was   es   wirklich   ist.   Die   s/w   Fotografie   hat   mich   wieder   gepackt   und   ich   werde weiter daran arbeiten. dMP:   Stellt   für   Sie   das   Smart   Phone   mit   Fotofunktion   eine   fotografische   Erweiterung   des Zugangs   dar-   oder   ist   es   auch   der   Reiz   der   „minderen“   Qualität   des   Prints/Abzugs,   der dadurch auch wieder einen Reiz bekommt? Silvia   Hänni:   Da   bin   ich   reingerutscht.   Das   Handy   ist   immer   mit   dabei   auf   meinen   vielen Spaziergängen    seit    dem    Lockdown    und    ich    begann,    kleine    Serien    auf    den    Status    von Whatsapp   zu   stellen.   Das   Format   faszinierte   mich.   Darauf   probierte   ich   aus,   was   mit   den diversen    Filtern    im    Handy    möglich    ist,    etc.    Die    «mindere»    Qualität    kann    manchmal Strukturen ins Bild bringen, die mir gefallen. dMP:   Die   Werke   in   der   Ausstellung   der   Gruppe   Novem   im   Grazer   Rathaus   sind   sehr „grafisch“ mit viel Bewegung. Ist das bereits die Abstraktion des Fotos? Silvia   Hänni:   Durch   die   starke   Bearbeitung   der   Kontraste   (dem   Licht,   dem   Schatten   und   den verschiedenen   Ebenen)   im   Bild   versuchte   ich   eine   abstrakte   Wirkung   zu   erzielen.   Auf   diese Art sieht man erst auf den zweiten Blick, was auf dem Bild wirklich abgebildet ist..
NACH OBEN NACH OBEN
„Das   Handy   ist   immer   mit   dabei   auf   meinen   vielen   Spaziergängen   seit dem    Lockdown    und    ich    begann,    kleine    Serien    auf    den    Status    von Whatsapp   zu   stellen.“ Auch   dieses   Selbstportrait   ist   in   diesem   Winter   mit dem Handy entstanden. Foto: Silvia Hänni
dMP:   Zu   den   Themen:   die   Natur   als   endloser   Sujet   Lieferant?   Was   ist   der   besondere Reiz?   Welche   Themen   haben   Sie   immer   besonders   gerne   und   wiederholt   aufgenommen? In   der   Fotografie   sind   durch   internationale   Entwicklungen   wieder   soziale Themen   in   den Fokus gerückt- ein bedeutendes und unabdingbares Element der Fotografie?   Silvia   Hänni:   Die   Natur   als   endloser   Sujet   Lieferant   passt   super.   Das   Wetter,   die   Jahreszeit, das   Licht,   das   Wachstum,   etc.   bringen   ständige   Änderungen   in   der   Natur.   Man   kann   kaum wieder   eine   gleiche   Situation   antreffen.   Mich   faszinieren   immer   wieder   Linien   und   Formen, also   Grafik   in   der   Landschaft,   im   Geäst   oder   im   Wasser.   Ich   fühle   mich   auch   angezogen   von Leere   oder   Chaos   in   der   Natur   oder   auch   von   vielen   kleinen   Details.   Was   mich   immer anzieht   sind   Spiegelungen   in   der   Natur   oder   in   der   Architektur.   In   den   letzten   Jahren   fing ich   auch   an   auf   Reisen   Streetsituationen   zu   fotografieren.Grundsätzlich   finde   ich,   dass jedes Thema von der Fotografie aufgegriffen werden kann. -   dMP:   Wie   beschreiben   Sie   selbst   Ihre   sehr   malerischen   Bilder?   Mit   der   Kamera   gemalt. Eine   Weiterführung   von   Abstraktion   in   der   Natur.   Nicht   nur   das   vorhandene   »abstrakt» aufgenommen,   sondern   mit   Bewegung   beeinflusst.   Wie   war   Ihre   Herangehensweise: Eine fertige Vorstellung im Kopf, oder experimentell vor Ort? Silvia   Hänni:   Im   Moment   habe   ich   das   Malen   immer   im   Hinterkopf.   Wenn   ich   den   Eindruck habe,    ein    Ort    sei    ideal    dazu,    dann    male    ich,    das    genaue    Resultat    ist    meist    nicht voraussehbar.   Ich   habe   noch   Unmengen   von   gemalten   Fotos,   die   ich   auf   ihre   Tauglichkeit prüfen muss.Ich malte vereinzelt schon zu analogen Zeiten, vor mehr als zwanzig Jahren.  dMP:     Gibt     es     so     etwas     wie     „schweizerische“     Themen?     Oder:     beraubt     die „Internationalisierung“  nicht den Fotografen der Besonderheit bspsweise einer Region? Silvia   Hänni:   Ich   würde   sagen   alles,   was   mit   Bräuchen   vor   Ort   zu   tun   hat,   sind   spezielle Landtypische   Themen   und   zwar   in   jedem   Land.   Wie   man   ein   Thema   umsetzt,   ist   immer persönlich,   aus   der   eigenen   Sicht.   Dies   kann   nie   objektiv   sein.   Das   ist   ja   das   spannende.   Zu einem   bestimmten   Thema   (z.B.   bei   der   Gruppe   Nuur   mit   dem   Jahresthema   oder   einem Ausflug,   etc.)   beginne   ich   meistens   mit   einem   Brainstorming,   überlege   mir   bestimmte Situationen,    bin    dann    aber    auch    offen    für    neue    Möglichkeiten    vor    Ort.    Z.B.    beim Jahresthema   2012   «Nuur   geht   auf   Reisen»   nahm   ich   mir   das   Thema   Bahnhöfe   vor   und machte    über    mehrere    Monate    an    verschiedenen    Orten    Fotos    (Link    Nr.    1).    –    Beim gemeinsamen Ausflug   nach   Stans   2018   (Link   Nr.   2)   an   einem   sonnigen   heißen   Tag,   entschloss ich mich spontan vor Ort, mich hauptsächlich auf die Schatten zu konzentrieren. Beim   Fotografieren   in   der   Natur   habe   ich   oft   meine   Themen   im   Hinterkopf   und   fotografiere entsprechend,   was   ich   antreffe.   Da   sind   die   Fragen   dabei,   was   will   ich   festhalten   und   wie setze ich es um.
dMP:    In    Ausstellungen:    Wie    vermitteln    Sie    Ihre    Inhalte    -    gibt    es    dabei    nicht    oft „Veständnisdiskrepanzen“   zwischen   dem   Fotografen   und   dem   Betrachter?   Muss   man   aus Ihrer Sicht ein Werk „erklären“? Silvia   Hänni:   Ich   finde,   man   kann   ein   Werk   erklären,   muss   aber   nicht.   Ein   mitgelieferter Text   kann   manchmal   hilfreich   sein.   Ich   finde   es   auch   spannend,   wenn   ein   Bild   mehrere mögliche   Sichtweisen   offenlässt.   –   Wie   ein   Betrachter   ein   Bild   sieht,   hängt   auch   von   seinen Gefühlen und Hintergründen ab. dMP:   Wo   sehen   Sie   die   Schnittstellen   von   „professioneller“   Fotografie   und   Hobby,   wie Sie es betreiben? Silvia   Hänni:   Ich   sehe   vor   allem   den   Unterschied   darin,   dass   der   Hobby-/Amateurfotograf wählen   kann,   was   er   fotografieren   will   und   finanziell   nicht   davon   abhängig   ist.   Die   Technik ist   auch   beim   Hobby   ein   Thema,   Kreativität   und   Fantasie   gibt   es   überall.   Ich   denke   die Schnittstellen/Übergänge sind fliessend.   dMP:    Wie    wichtig    sind    Fotoclubs    für    die    Fotografie?    Wiederholt    sich    da    nicht    oft „Spinnennetz mit Tautropfen“? Welchen Stellenwert können sie haben? Silvia   Hänni:   Es   ist   ein   guter   Ort   für   Erfahrungsaustausch,   für   Diskussionen   und   auch   für gemeinsame   Ausflüge.   Schwierig   kann   es   sein   allen   Niveaus   gerecht   zu   werden   mit   den monatlichen    Themen.    Offenheit,    Hilfsbereitschaft    und    Freude    an    der    Fotografie    sind Voraussetzungen für ein gutes Klima im Klub. dMP:   Welche   Eindrücke   haben   Sie   aus   der   Steiermark   mitgenommen?   Wo   sehen   Sie   im Vergleich zur Schweiz das Interesse an Fotografie in der Steiermark? Silvia   Hänni:   Ich   erlebte   mehrfach,   dass   in   Graz   einiges   für   die   Fotografie   unternommen wird.   Die   Kulturvermittlung   organisiert   Ausstellungen,   so   auch   die   Photo   Graz.   Soviel   ich weiss,    gibt    es    diese    Ausstellung    jährlich    und    sowohl    Profi-    wie    auch    Amateur-    und Hobbyfotografen können sich daran beteiligen. So eine Institution gibt es bei uns nicht. dMP:   Gehört   grundsätzlich   die   Fotografie   mehr   in   den   künstlerischen   Kontext   gesetzt und auch so der Öffentlichkeit präsentiert? Silvia   Hänni:   Schön   wäre   es,   wenn   die   Fotografie   bei   uns   mehr   gefördert   und   unterstützt würde! dMP: Herzlichen Dank für das Gespräch!