der muerzpanther
EIN FOTOGRAF, DER EISENBAHNEN ABLICHTETE UND DIE MENSCHEN TRAF Es    ist    spannend    sich    zwischen    Dokumentar-    und    künstlerischer    Fotografie    zu bewegen.     In     der     aktuell     stattfindenden     Ausstellung     im     Kunstfoyer     München verschwimmen   diese   zwei   Gattungen   elegant   ineinander:   Das   Verbindende   hat   dabei einen   Namen,   nämlich   den   des   Künstlers:   O.   Winston   Link.   Erfahren   sie   mehr   über     einen    bedeutenden    Fotografen,    der    es    sich    leisten    konnte    jahrelang    auf    eigene Kosten   die   letzten   Dampfzüge   Amerikas   zu   dokumentieren.   Dabei   scheute   er   keinen Aufwand,   keine   Mühe   und   keine   Entfernung.   Bei   dieser   Unternehmung      stand   ihm Thomas   Garver   zur   Seite,   meist   arbeiteten   sie   in   der   Nacht   und   oft   an   eisig   kalten Wintertagen.   Das   Ergebnis   waren   sensationelle   und   bahnbrechende   Nachtaufnahmen der   kurz   vor   der   Einstellung   stehenden   Dampfzüge   der   Norfolk   &   Western   Railway Company.   Das   Ergebnis   waren   aber   ebenso   beeindruckende   und   berührende   Portraits der   Angestellten   und   auch   zufälligen   Zaungäste   der   Eisenbahn   -   alles   bis   in   das kleinste   Detail   arrangiert.   Folgen   sie   mir   am   Anfang   des   Winters   2019   in   die   Kälte der Dezembernächte der Jahre 1955- 1960. Und: ziehen Sie sich warm an!
Sechs    Jahre    lang    hatte    der    Fotograf    Ogle    Winston    Link    vielleicht    die allerletzte     Gelegenheit     genutzt,     eine     amerikanische     Legende     zu fotografieren:   die   Dampfeisenbahn.   In   Nordamerika   ist   die   Geschichte der   Menschen   sehr   eng   mit   der   Geschichte   der   Eisenbahn   verbunden.   Im 19.   Jahrhundert   wurde   diese   dämonische   Kraft   der   Dampfeisenbahn   nicht nur     mit     Bewunderung     wahrgenommen,     sondern     sogar     als     großes technisches    Wunder    gesehen.    Dabei    darf    natürlich    nicht    vergessen werden,   dass   der   Ausbau   der   Eisenbahn   zum   Untergang   der   indianischen Kulturen     führte,     gleichzeitig     aber     auch     ein     neues     Nationalgefühl auslöste: "Wenn   ich   höre,   wie   das   tosende   Schnauben   des   Dampfrosses   von   den Hügeln   widerhallt,   wie   es   die   Erde   mit   seinen   Füßen   erzittern   macht, während   es   Feuer   und   Rauch   aus   seinen   Nüstern   stößt,   dann   scheint   es, als    sei    ganz    neues    Leben    auf    dieser    Erde    möglich,    das    uns    alle mitreißt.  "   Henry David Thoreau (1817 - 1862). Letztlich     löste     die     Elektrifizierung     und     der     Brennstoff     Diesel     die dampfbetriebenen   Lokomotiven   ab.   Gerade   aber   die   Norfolk   &   Western
Railway       betrieb       aber       eigene       Kohlegruben       und       baute       die Dampflokomotiven   selbst,   weswegen   sich   die   Einstellung   in   Virginia   bis in   das   Jahr   1960   hinauszog.   Link   nutzte   die   Gelegenheit,   amerikanische Geschichte    festzuhalten    und    er    fand    hier    alles,    womit    er    sich    als erfolgreicher   New   Yorker   Studiofotograf   beschäftigte:   die   Unschuld   des ländlichen    Amerika,    die    kleine    Welt    der    heilen    Familie.    Um    das darstellen   zu   können   bedient   er   sich   der   Inszenierung:   Oft   lässt   Link   die Bahn     im     Hintergrund     queren,     während     er     vorne     eine     zusätzliche Handlung   in   Szene   setzt.   Kinder   plantschen   unter   einer   Hochbrücke   im Fluss, während oben ein Güterzug vorbeidonnert. Für    "Swimming    Pool"    spricht    er    nachmittags    im    Freibad    langbeinige Badeanzug-Beautys    an:    Sie    möchten    abends    beim    Heranzuckeln    des Nachtzugs       dekorativ       am       Beckenrand       posieren.       Durch       diese Inszenierungsstrategien     erhalten     die     Aufnahmen     einen     wundersam künstlichen, ja theatralischen Charakter - einem Werbebild ähnlich!  
München, Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern. Hier findet eine retrospektive Platz, die Fotografie Interessierte genau so anzieht, wie Liebhaber historischer LDampflokomotiven: Eine symbiotische Ausstellung!
Der   Mensch   stand   für   O. Winston   Link   immer   im Vordergrund.    Und    sein Stolz,    Bediensteter    bei Norfolk&Western          zu sein. Fotos:     Ausstellung     im Kunstfoyer München.
Um   Unerwünschtes   nicht   auf   dem   Foto   zu   haben,   bediente   er   sich   bald der   Nacht:   Was   heute   Photoshop   erledigt,   tilgte   damals   die   Nacht:   Was nicht ins Bild passte, verschwand im Dunkeln. Spektakulär   ist   etwa   seine   Autokino-Aufnahme:   Im   Vordergrund   turtelt ein    Paar    im    Cabrio    des    Fotografen.    Dahinter    steht    ein    Pulk    von Limousinen   vor   einer   Leinwand,   über   die   ein   Flugzeig   huscht.   Und   ganz hinten   rauscht   unter   einem   weißen   Schweif   aus   Qualm   ein   schwarzes Zugungetüm   vorbei,   das   im   Dunkel   der   Nacht   nur   sichtbar   wird,   weil   Link entlang    der    Gleise    eine    komplizierte    Apparatur    aus    43    Blitzlichtern installiert   hat.   Winston   Link   drückte   es   selber   folgendermaßen   aus:   "Ich scheue   das   Tageslicht,   um   die   Dramatik   zu   enthüllen,   die   bei   Tage   nicht zu sehen ist oder nicht bemerkt wir, infolge vieler Ablenkungen." Was    so    ein    Bild    ausdrücken    kann,    er    hat    es    fast    wie    ein    Gemälde geschaffen.   Unglaublich   -   da   ist   eine   Ästhetik   dabei!   Er   hat   aber   auch ganze    Ortschaften    ausgeleuchtet,    die    er    durch    die    Verlegung    von einigen   Kilometern   Kabeln   beleuchtet   hat.   Es   darf   kein   schwarzer   Fleck bleiben,   die   Blitze   und   Spiegel   müssen   so   gestellt   werden,   dass   die Szenen   nicht   unnatürlich   wirkt,   es   muss   harmonisch   sein   und   das   ist ihm   gelungen.  "   Dabei   war   es   für   den   Fotografen   und   seine   Assistenten nicht     immer     so     einfach     ,weil     sein     Tun     die     Aufmerksamkeit     der
Ortsbevölkerung    in    hohem    Maße    erregte.    Dann    stolperten    bei    Nacht Leute    über    die    Kabel,    stießen    gegen    die    Beleuchtung    oder    rissen Verbindungen heraus. Er   hat   in   seinen   Nachtbildern   natürlich   nicht   nur   Züge   fotografiert,   er hat     -     zwar     als     Eisenbahnfotograf     bezeichnet     -     diese     immer     in Zusammenhang    mit    der    Landschaft,    den    Menschen    oder    der    Szenerie gesehen.   „  Das   Bild   lebt   durch   das   Pferdegespann   und   die   Menschen   -   so etwas    muss    man    sehen!    Und    auch    inszenieren    können!    Es    ist    ein wunderbarer    Eindruck:    die    Sonne    steht    richtig,    die    Lok    raucht,    ein Moment   aus   1956   zeigt   den   Zug,   der   im   Westen   Virginias   unterwegs ist.“    Er   hat   als   einer   der   ersten   die   Nachtfotografie   verwendet,   um   die   Züge in   Szene   zu   setzen   und   er   hat   die   Menschen   nicht   vergessen:   dazu   muss man    ein    ganz    großer    Könner    sein,    um    Bilder    in    dieser    Qualität abzuliefern.     Das     alles     hat     er     ohne     Auftrag     und     ohne     Honorar bewerkstelligt.   Er   es   hat   nur   für   sich   und   die   Nachwelt   fotografiert.   Er ist   fünf   Jahre   nach   Virginia   gefahren,   hat   dabei   zig-   tausende   Blitzbirnen verbraucht     und     wenn     man     das     Portrait     mit     seinem     Assistenten betrachtet, schaut dieser nicht gerade freudig drein.
Links:   das   angesprochene   Bild   mit   dem   Pferdegespann   und   rechts:   Green   Cove,   Aussenaufnahme.   Welche   Bedeutung   der   Innenraum erlangt, erfahren Sie später im Text. Fotos: Ausstellung im Kunstfoyer München.
O.   Winston   Link   war   selbständiger   Fotograf   in   New   York   und   hatte   große Kunden   wie   Goodrich,   Alcoa   oder   Texaco   .   Er   hat   Fotos   und   PR   gemacht,   die Aufträge    ermöglichten    es    ihm,    sich    zwei    Monate    im    Jahr    auf    Reise    zu begeben und nichts zu verdienen. Auf   vielen   Bildern   erkennt   man   die   Stimmung   des   Sujet:   das   Leben   auf   dem Land.   Ein   kleiner   Kolonialwarenladen,   diverse   Werbung,   sitzende   Leute.   Das sieht    völlig    natürlich    aus    ...    er    wollte    genau    diesen    Moment    festhalten.      Wilson   Link   tragt   eine   unheimliche   Sympathie   in   sich   -   eine   Empathie   für   die Menschen,     für     die     Landschaft     und     für     die     Eisenbahn.     Was     er     hier eingefangen   hat,   ist   unwiederbringlich   verschwunden.   Die   Strecke   gibt   es nicht mehr, die Lokomotiven gibt es nicht mehr ...
Nun   kommen   wir   noch   zu   einer   anderen   Passion   von   Winston   Link.      Er   hat fotografiert,     gefilmt     und     Tonaufnahmen     hergestellt.     Von     diversen Dampfzügen,   immer   in   Verbindung   mit   der   Realität:   mit   Hundegebell   am Strassenrand,       Kirchenglocken       einer       entlegenen       Ortschaft       oder         Weihnachtslieder   am   heiligen   Abend,   die   sich   zufällig   in   die   Tonaufnahme mischen.     Zufällig!     bei     O.     Winston     Link!     Die     Schallplatten,     die     er aufgenommen   hat   waren   für   ihn   in   den   Fünfziger-   und   Sechziger   Jahren eine    Einnahmequelle.    Für    die    Cover    hat    Link        natürlich    seine    Fotos verwendet.   " 
Um    den   Absatz    seiner    Platten    zu fördern: Werbeaufnahme; Foto:    Ausstellung     im     Kunstfoyer München.
Und   abschliessend   möchte   ich   basierend   auf   den   Worten   des   deutschen Fernsehmoderators    Hagen    von    Ortloff,    der    eine    Sonderführung    im Kunstfoyer    gestaltete,    ein    paar    Eindrücke    von    Bildern    dieses    groß- artigen Fotografen vermitteln: In   Green   Cove:   Der   Innenraum.   Das   war   der   Mittelpunkt   des   Dorfes, dort   hat   man   sich   getroffen,   es   gab   einen   Ofen,   dort   war   auch   die Post.      Hier   traf   man   sich.   Das   ist   eine   Szene   aus   dem   alten   Amerika   - bereits   seit   60   Jahren   Geschichte.   Link   hat   in   diesem   Warteraum   das zweite Mal geheiratet. Es war alles verschwunden bis auf die Waage. Auf   dem   Foto   mit   dem   Freibad   sieht   man   drei   junge   Damen,   die   sich mit   einem   jungen   Mann   unterhalten   und   dahinter   sitzen   drei   junge Männer,    die    auf    die    vorbeifahrende    Eisenbahn    blicken.    Bei    Link    ist alles    bis    in    das    kleinste    Detail    inszeniert,    es    wird    ausser    dem vorbeifahrenden    Zug    nichts    dem    Zufall    überlassen.    Damals    war    die Eisenbahn   auch   "das"   Verkehrsmittel   und   hatte   große   Bedeutung   für den     Personenverkehr.     Das     wurde     auch     in     den     Portraits     der Bahnmitarbeiter    bei    ihrer   Arbeit    deutlich:    wie    die    Post    ausgeladen wird,    beim    Putzen    des    Hauptlichtes.    Das    ist    in    den    Gesichtern Ausdruck    für        Stolz    der    Mitarbeiter    und    eben    die    Bedeutung    des Schienenverkehrs.
Wohnzimmer:    Die    Aufnahme    zeigt    wahrscheinlich,    wie    es    in    einem Durchschnittswohnzimmer im Amerika der 50er Jahre ausgesehen hat.   In   den   Achtzigern   wurden   erstmals   wieder   seine   Fotos   veröffentlicht   - als    erste    deutsche    Zeitung    war    das    in    einem    Magazin    der    FAZ.    Link wurde   auch   in   kleineren   Publikationen   gezeigt,   es   kam   auch   ein   Buch über   ihn   in   deutscher   Fassung   heraus.   Er   wußte   natürlich   auch,   dass   ein Museum     für     seine     Fotografien     eingerichtet     wurde,     hat     aber     die Eröffnung   nicht   mehr   erlebt.   2004   wurde   das   Museum   in   Roanoke   im ehemaligen    Bahnhof    der    Norfolk    and    Western    Railway    eröffnet.    O. Winston   Link   verstarb   im   Jahre   2001.   „  Das   Museum   hat   leider   nicht   die Unterstützung    erfahren,    die    dieser    Mann    und    sein    Werk    eigentlich verdient   hätte.   Er   hat   immer   die   Menschen   in   den   Vordergrund   gestellt und   sie   animiert,   sich   fotografieren   zu   lassen.   Es   ist   auf   fast   jedem seiner Bilder eine Person zu sehen.“ Sollten   sie   einmal   ein   Bild   in   die   Hände   bekommen:   Teuer   und   begehrt waren   sie   jedenfalls   schon   zu   Lebzeiten   des   Künstlers   mit   dem   Blick   für die   Schatten   der   Nacht.      Das   beweist   eine   unglückliche   Episode   seiner letzten   Lebensjahre.   Seine   Frau,   die   er   in   dem   Warteraum   von   Green Cove   geheiratet   hatte,   wurde   1996   wegen   Diebstahl   verurteilt.   Sie   soll ihm 1400 Abzüge im Wert von 1,6 Millionen Dollar gestohlen haben.
„Das ist in den Gesichtern Ausdruck für  Stolz der Mitarbeiter und eben die Bedeutung des Schienenverkehrs.“
Amerika    der    50er    Jahre:    Die    Dampfmaschine    und    die    Mitarbeiter;    diese    Eindrücke    gehören    längst    der    vergangenheit    an! Daneben   können   sie   sehen,   was   den   besonderen   reiz   der   Fotos   ausmacht:   akribisch   gesetztes   Licht   in   der   Nacht!   Fotos: Ausstellung im Kunstfoyer München.