der muerzpanther
Der   Mürzpanther,   in   seinem   Bestreben   immer   bestmögliche   Informationen   zu   vermitteln,   hat zu   dem   Thema   Biodiversität   ein   Interview   mit   Prof.   Dullinger,      Professor   für   Vegetation Science    am   Department   für   Naturschutzbiologie,   Vegetations-   und   Landschaftsökologie   der Universität   Wien   geführt.   Hierbei   geht   es   um   das   Verhältnis,   wie   weit   landwirtschaftliche Nutzung und klimatische Veränderungen Einfluss auf die Vielfalt im alpinen Raum haben. Wir    wollen    einmal    näher    betrachten,    was    sich    in    nächster    Zeit    vor    unserer    Haustüre abspielen   wird.   Die   Steiermark   ist   ein   reich   bewaldetes   Gebiet   und   reich   an   wirtschaftlich nutzbaren   Flächen.   Daneben   ist   der   Anteil   an   Höhenlagen   beträchtlich.   Aber   wie   schaut   die Verteilung aus? Von   der   Statistik   im   Jahre   2017   ausgehend,   betrug   die   Nutzfläche   1.396.428   Hektar   Boden. Das   ist   von   der   Gesamtfläche   der   Steiermark   83,5%.   Der   Rest   sind   die   wilden,   unzugänglichen und   rauhen   Bergspitzen   ohne   Vegetation   –   wobei   die   Baumgrenze   in   den Alpen   zwischen   1800 und    2200    Metern    liegt.    Und    wie    verteilt    sich    die    Nutzfläche?    Dabei    entfallen    auf    die landwirtschaftlich     genutzte     Fläche     366.008     Hektar     (ockerfarbig     in     der     Steiermark- Tortengrafik   weiter   unten)   und   856.848   auf   die   forstwirtschaftlich   genutzte   Fläche   (der Grünbereich)!    Die    Differenz    auf    die    Gesamtfläche    fällt    auf    Gewässer,    nicht    genutzte Moorflächen oder auch Gebäude- und Hofflächen (in Rot gehalten!). Dabei   ist   erstaunlich,   dass   die   Nutzfläche   seit   dem   Jahre   2003   um   ungefähr   8%   abgenommen hat.   Das   wirft   auch   die   Frage   auf,   ob   die   kleinen   Bewirtschaftungs-   und   Hofstrukturen   in diesen   15   Jahren   gelitten   haben   und   viele   kleine   Einheiten   verschwunden   sind,   so   dass   es sich bereits manifest in der Statistik ausdrückt. Daneben   darf   ich   Sie   wieder   auf   das   steirische   Projekt   MIT-   Mürztal   initiativ   aufmerksam machen: Jetzt ist der beste Zeitpunkt - im Vorfrühling!
NACH OBEN NACH OBEN
Unbestritten   ist   der   Wandel   der   Struktur   –   hin   zu   großen   und   riesigen Zucht-   und   Mastbetrieben,   deren   Ziel   nicht   die   Landschaftspflege   ist, sondern     der     Gewinn     –     gleichzusetzen     mit     einem     Wandel     der Bewirtschaftung.    Bewässerung,    Düngemittel    und    Massentierhaltung. Diese   Haltungsform   ist   allerdings   keine   Neuerfindung   unseres   jungen Jahrtausends,   sondern   entspringt   der   zweiten   Hälfte   des   20.   Jahr- hunderts   -   mit   dem   aufkommenden   wirtschaftlichen   Wohlstand.      Aber sie   wurde   noch   „optimiert“.      Dabei   sind   auch   die   massiven Auswirkun- gen   intensiver   landwirtschaftlicher   Nutzung   auf   wildlebende   Tier-   und Pflanzenarten   bereits   seit   längerem   gut   dokumentiert.   Und   es   ist   in wissenschaftlichen   Studien   unbestritten:   Noch   ist   die   Landwirtschaft Hauptursache der Biodiversitätskrise. Um   festzustellen,   wie   weit   die   klimatischen   Veränderungen   auch   in alpinen   Bereichen   die   Artenvielfalt   bedrohen,   haben   Wissenschaftler der   Universität   Wien   und   der   Bodenkultur   jetzt   ein   gekoppeltes   Modell entwickelt,   das   Bewirtschaftungsentscheidungen   von   ca.   1.300   Land- wirtschaften   und   Forstbetrieben   simuliert   und   daraus   die   Folgen   für die    Pflanzendiversität    einer    Beispielregion    –    den    oberösterreich- steirischen Eisenwurzen – berechnet. d MP:     Wie     sehen     diese     Bewirtschaftungsentscheidungen     aus? Handelt   es   sich   dabei   um Agrarflächen   oder   Viehhaltung?   Ist   Dünger mit-     oder     hauptverantwortlich     oder     welche     Aspekte     fallen besonders bei den Entscheidungen in`s Gewicht? Stefan   Dullinger:    Die   Entscheidungen   basieren   auf   einer Abwägung   von
Einkommen   und   notwendiger   Arbeitszeit   -   je   weniger   Einkommen   und je    mehr    Arbeitszeit,    desto    größer    wird    der    Druck,    Adaptionen vorzunehmen.   Das   Modell   ist   nicht   so   detailliert,   dass   Düngemengen explizit   variiert   werden,   es   gibt   im   Grünland   und   am   Acker   statt dessen   Intensitätsstufen,   die   mit   einem   bestimmtem   Kostenaufwand für Dünger, Mähfrequenzen etc. verbunden sind. dMP:    Welche    Entscheidungen    von    Forstbetrieben    sind    für    das Schwinden von Artenvielfalt/ Biodiversität ausschlaggebend? Stefan   Dullinger:   Der   Wald   wurde   vergleichsweise   grob   modelliert, Entscheidungsalternativen       sind       hier       im       wesentlichen       nur Einschlagmenge   und   Aufforstung   mit   standortgerechten   Baumarten vs. Nadelholzmonokulturen. dMP:   Der   Wald   ist   ja   gesetzlich   geschützt   -   aber   welchen   Einfluss nimmt   die   Fehlbewirtschaftung   durch   beispielsweise   einem   viel   zu großen     Anteil     an     Fichten     in     österreichischen-     ursprünglich Mischwäldern? Stefan     Dullinger:     Das     ist     tatsächlich     ein     wichtiger     Faktor, Fichtenmonokulturen    können    durch    verändertes    Lichtregime    und Bodenversauerung   zum   Verschwinden   von   verschiedenen   Unterwuchs- arten   bzw.   zu   Veränderungen   in   der   Artenzusammensetzung   führen. Das   ist   schon   länger   gut   bekannt.   Allerdings   sind   die   Effekte   etwas weniger   drastisch   wie   beim   Umstieg   von   2-schüriger   auf   5   oder   6- schürige Wiesenmahd.
In     dieser     Simulation     reagieren     die     Land-     und     Forstwirte     auf verschiedene     mögliche     Entwicklungen     der     wirtschaftlichen     und klimatischen   Rahmenbedingungen.   Sie   entscheiden   nach   Kriterien,   die aus    Daten    über    den    Strukturwandel    der    letzten    Jahrzehnte    und Interviews    mit    Akteuren    in    der    Region    entwickelt    wurden.    Die simulierten     Entscheidungen     führen     zu     Veränderungen     in     der Landschaft,   die,   gemeinsam   mit   dem   Klimawandel,   die   Lebensräume der Pflanzen verändern. Die   Ergebnisse   legen   nahe   (so   die   wissenschaftliche   Formulierung), dass   die   Lebensräume   der   meisten   Arten   in   dieser   Region   schrumpfen werden.   Für   diese   Lebensraumverluste   spielt   der   Klimawandel   eine wesentlich   größere   Rolle   als   die   Landnutzung.   Dabei   sei   vermerkt, dass   diese   Erhebung   sich   nur   auf   die   Region   Eisenwurzen   bezieht   eine globale Aussage davon abzuleiten ist aber nicht möglich.   dMP:      Welche      sind      die      genauen      Faktoren,      die      zu      dem Lebensraumverlust   führen   (pH,   Niederschlagsmenge,   Bakterien   im Boden, ...)? Stefan   Dullinger:      Die   wesentlichen   Faktoren   sind   Intensivierung   im Grünland/   Ackerland   bzw.   Temperaturerhöhung.   Das   Modell   berück- sichtigt    die    Bodenchemie    nicht    explizit    (es    ist    so    schon    ziemlich kompliziert   ...),   aber   wir   arbeiten   diesbezüglich   an   Verbesserungen. Interaktionen   mit   der   Bodenbiologie,   inclusive   Mikrobiom   sind   auch spannend,   aber   da   steht   die   Forschung   generell   noch   ziemlich   am Anfang.
dMP:   Bedeutet   der   Lebensraumverlust   für   60%   der   Arten   (Pflanzen oder auch Tiere?) automatisch das Aussterben der Arten? Stefan   Dullinger:   Nein,   nicht   notwendigerweise   und   vor   allem   nicht sofort.   Lebensraumverlust   in   dem   Sinn,   in   dem   wir   modelliert   haben, bedeutet,   dass   das   Klima,   in   dem   die   Arten   heute   leben   bzw.   die Nutzungsformen,    mit    denen    sie    heute    zurecht    kommen,    seltener werden.   Es   kann   sein,   dass   die   Art   mehr   Potential   hat,   als   wir   heute sehen,   dass   sie   sich   anpassen   kann,   oder   dass   sie   sich   zumindest   noch lange   unter   suboptimalen   Bedingungen   durchwurschteln   kann,   bevor sie    verschwindet.    Am    wichtigsten:    weniger    Lebensraum    bedeutet natürlich    nicht    keinen    Lebensraum    mehr!    Aber    je    kleiner    der Lebensraum   desto   kleiner   die   Populationen   und   desto   größer   daher das Aussterberisiko. dMP:   Wie   weit   sind   oder   werden   Pflanzenarten   in   der   Lage   sein, sich   neuen   Verhältnissen   anzupassen   -   wie   sieht   da   die   Prognose aus?   Oder   schreitet   die   Verdrängung   durch   andere   Arten   voran? Kommen damit auch Schädlinge (Insekten, Pilze,...) Stefan   Dullinger:   Das   haben   wir   nicht   modelliert   -   und   darüber   gibt   es auch     insgesamt     wenig     gesichertes     Wissen.     Generell     gilt:     je langlebiger    die    Pflanzen    sind,    desto    unwahrscheinlicher    ist    eine erfolgreiche      genetische      Anpassung      an      sich      rasch      ändernde Bedingungen,    also    annuelle    Kräuter    haben    da    mehr    Chancen    als Bäume oder langlebige alpine Arten.
Und natürlich liegt es vor allem an uns selbst: Wollen wir Artenvielfalt oder Arteneinfalt? Fotos: Der MÜRZPANTHER
Das   Ergebnis   ist   für   die   Wissenschaftler   aber   doch   erstaunlich,   " weil ein   großer   Teil   der   von   uns   modellierten   834   Pflanzenarten   sensibel auf    Landnutzungsunterschiede    reagiert“ ,    so    Iwona    Dullinger    vom Department   für   Botanik   und   Biodiversitätsforschung   der   Universität Wien. Das    liegt    daran,    dass    das    Modell    keine    großen    Landnutzungs- unterschiede   aufzeigt,   weil:      Der   Handlungsspielraum   der   Landwirte ist    unter    den    von    uns    angenommenen    wirtschaftlichen    Rahmen- bedingungen   begrenzt ",   erklärt   Stefan   Dullinger.   Im   Unterschied   dazu führt     der     Klimawandel     bei     etwa     60     Prozent     der     Arten     zu Lebensraumverlusten.   Diese   Verluste   sind   teilweise   massiv,   besonders bei Arten, die heute schon höhere Berglagen besiedeln.  dMP:   Sie   fordern   aus   oben   genannten   Gründen   eine   ambitionierte Agrarpolitik! Was meinen Sie damit? Stefan   Dullinger:   Der   Bauer   muss   mit   biodiv-freundlicher   Landwirt- schaft   bei   gleichem   Arbeitseinsatz   deutlich   mehr   verdienen   als   wenn er    auf    Ertragsmaximierung    setzen    würde.    In    Bezug    auf    die    GAP (Anm.:   Die   g emeinsame   A grar p olitik   ist   ein   bedeutender   Bereich   der EU)   bedeutet   das   z.B.   dass   viel   mehr   Geld   für   biodiv-freundliche Landwirtschaft fließen müsste und viel weniger rein flächenbezogen.
dMP:   Mit   unserem   neuen   Claim   'Land   der   Berge'   wollen   wir   die anspruchsvolle   Produktion   in   den   Berggebieten,   die   Naturnähe,   die kleinen     Strukturen     der     bäuerlichen     Familienbetriebe     und     die freiwillige   GVO-Freiheit   (Anm.:      gentechnikfrei)   unterstreichen",   er- klärt   Margret   Zeiler,   Exportmanagerin   der   AMA.    Das   kann   ja   nur bedeuten,   dass   Österreich   seinen   Export   von   landwirtschaftlichen Gütern    steigern    will!    Ist    das    vielleicht    für    den    Artenerhalt kontraproduktiv?   Und   was   kann   ein   Einzelner/   ein   österreichischer Haushalt     zum     Erhalt     der    Arten     über     das     Konsumverhalten beitragen? Stefan   Dullinger:   Das   ist   ein   weites   Feld. Aber   generell:   Lebensmittel bewusst   kaufen,   bio   bzw.   biodiv-freundliche   Produktion   bevorzugen und    Fleischkonsum    reduzieren:    Das    ist    global    gesehen    ein    ganz wichtiger Faktor für landwirtschaftlichen Flächenverbrauch. dMP: Herr Professor, herzlichen Dank für das Interview!
„Naturschutz   ist   eine   Aufgabe,   …,   dem   Schutz   der   Qualität   von   Gewässern,   Luft   und   Boden   und   des   Lebens   an   sich   dient.“   Aus: Naturschutz in der Steiermark. Fotos: der MÜRZPANTHER
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