Die Farben der Welt - auch im Mürztal!

Bis jetzt hat es die Farben der Welt nur auf Englisch gegeben. Jetzt gibt es sie auf Deutsch und auch im Mürztal. Dieses Werk von Abraham Gottlob Werner hat uns und Generationen von Künstlern und Wissenschaftlern durch die Natur mit Begriffen wie „blakish lead grey“ geführt. Im Jahre 1774 verfasste Werner „Von den äusserlichen Kennzeichen der Fossilien“ erstmalig ein Klassifikationssystem, um anhand von Farbe und Glanz Mineralien beschreiben und bestimmen zu können. Exakt definiert hat der deutsche Mineraloge und Geologe 79 Farbtöne. Dieses Werk wurde eine Generation später von dem schottischen Maler Patrick Syme (1774 - 1854) um 31 Farbtöne erweitert und mit Beispielen aus Zoologie, Botanik und Mineralogie erweitert. Wichtig für die Wissenschaft, ist das auch noch heute bedeutende Buch erstmals im Haupt Verlag in deutscher Übersetzung erschienen. Das wollen wir uns genauer ansehen.

Allein sechs Weißtöne hat der Mineraloge bereits beschrieben. Dabei finden sich Wortschöpfungen wie milchweiß.

Das 18. und das 19. Jahrhundert brachten in der Naturwissenschaft bahnbrechende Erkenntnisse. Forschungsreisen in alle Himmelsrichtungen aller bedeutenden europäischen Länder konkurrierten um Erbgebnisse. Es gab die verschiedensten Theorien um die Entstehung von Gesteinsarten, unter anderem eine von Gottlob Werner vertretene: Der Neptunismus. Diese besagt, dass sich alle Gesteine aus dem Wasser der Ozeane abgelagert haben. Es scheint überhaupt eine Zeit mit großem Interesse an Gestein gewesen zu sein, denn namhafte Persönlichkeiten, darunter auch Goethe befassten sich im ausgehenden 18. Jahrhundert mit der Geologie.

Gottlob Werner beschreibt dies auch eindrucksvoll in der Einleitung seines Werkes „Von den äusserlichen Kennzeichen der Fossilien“ (1): „Der wichtigste Theil derselben, ist ohnstreitig die Mineralogie oder die Foßilienkenntniß. … Es ist diese Wissenschaft, nachdem ihr Werth bekannter geworden, seit ohngefähr 40. Jahren (denn so lange ist es, daß sie zu blühen angefangen hat) …“ Etwas später führt er in dieser Schrift aus, dass sich seit Plinius! (61 - 113 n. Chr.) kaum jemand um die Erforschung und die Dokumentation der Mineralien gekümmert hat.

Doch auch Gottlob Werner konnte auf bereits Bestehendem aufbauen: „Endlich kam George Agricola (Anm.: 1494 - 1555, als „Vater der Geologie“ bezeichnet) … und lieferte uns nächst anderen schätzbaren Schriften sein Werk de natura fossilium. In diesem hat er eigentlich zuerst den Gebrauch der äußerlichen Kennzeichen zur Beschreibung der Fossilien eingeführet, als zu welchem Ende er auch im Anfang des ersten Buches seines Werkes ein System der äußerlichen Kennzeichen entwarf, worinnen er folgende angegeben hat: 1) das Ansehen: die Farbe - color, die Durchsichtigkeit - facilitas translucida, der Schein - fulgor, der Glanz - nitor.“ Weiters führt er den Geschmack, den Geruch und das Anfühlen als Charakteristika von Mineralien an.

Hier erkennt man die Bedeutung und die Wichtigkeit der systematisierten und standardisierten Werkzeuge zur Beschreibung der Mineralien, der ganzen Natur in ihrer Farbvielfalt: „Diejenigen Mineralogen haben also unrecht, welche die Farbe für ein unzuverläßiges Unterscheidungsmerkmal der Fossilien ausgeben.“

Zur Aufteilung in Hauptfarben kommt er durch eine interessante Schlussfolgerung. Indem er all diejenigen Farben, die einigermaßen übereinstimmen und gemischte Farben sind, unter ein „Geschlecht“ gebracht hat, eingeteilt in acht Hauptfarben: Weiß, grau, schwarz, grün, blau, gelb, rot und braun. Auf diesen Geschlechternamen folgt noch ein Gattungsname: Grasgrün oder goldgelb.

Der Cover des Buches, gebunden in Leinen. Eine Freude für interessierte Leser, als auch wissenschaftlich und kulturhistorisch wertvoll.

Die Bedeutung dieser Schrift lag - wie bereits kurz angesprochen - darin, erstmalig eine unverwechselbare und definierte Beschreibung zu erstellen, die gleichermaßen von Botanikern, Mineralogen, Zoologen oder auch Anatomen und Chemikern Verwendung finden konnte. „Um nun diese verschiedenen Abweichungen oder Veränderungen der Hauptfarben zu bestimmen, muß man einer jeden eine festgesetzte und systematische Benennung geben, …“

Doch sollte es noch Jahrzehnte dauern, bis sich die Verwendung durchsetzte. Erst durch die Bearbeitung des schottischen Pflanzenmalers und Zeichenlehrers Patrick Syme erlangte das Buch Bekanntheit. Eben jener ergänzte die Schrift des Gottlob Werner um weitere einunddreißig Farbtöne und bebilderte das Werk. Unter dem Titel „Werner`s Nomenclature of Colors“ fand es auch Eingang in die wissenschaftlichen Expeditionen von Charles Darwin. Diese weiteren Farbtöne, die Syme eingebracht hat, wurden mit - wie auch schon von Werner selbst - lebendigen Beispielen illustriert: „Hyazinthrot ist Scharlachrot mit Zitronengelb und einer winzigen Beimengung von Braun.“ Das alleine klingt schon wie ein Stillleben. Wie aber kam Gottlob Werner auf die Begriffe seiner Gattungsnamen ? „ … oder die Namen der Gattungen wählt man verschiedentlich: denn bald entlehnt man sie von Körpern im gemeinen Leben, als z. B. milchweiß, himmelblau oder zeisiggrün. … bald nimmt man sie von einer Malerfarbe her, … , als z. B. indigblau, lasurblau oder spangrün. … sehr selten wählt man dazu den Namen einer Person, als z. B.isabellengelb.“

 

„ … sehr selten wählt man dazu den Namen einer Person, als z. B.isabellengelb.“

Es ist wie ein Ausflug in die Natur selbst, denn wir begegnen im Text, in der Beschreibung und Wiederauffindbarkeit der einzelnen Farbtöne den Wundern der Schöpfung: Gelbliches braunorange im Streifen am Auge des Eisvogels, morgenrot an den Kloakenfedern des Buntspechtes, spargelgrün am Zitronenfalter, oder rötlich schwarz sind die Flecken auf den Deckflügeln des Bärenspinners. Es ist wie ein Ausflug vor die Haustüre, auch im Mürztal findet sich das Farbenspektrum in der Vielfalt der Lebewesen wieder. Weitere Farbbeispiele werden an Pflanzen und natürlich den Mineralien beschrieben, wodurch das Buch dem Interessierten grossartige Unterhaltung bietet. Müßte ich diesem Buch „Werners Nomenklatur der Farben“ einen Geschlechts- und Gattungsnamen geben: Es wäre freudestrahlendgelb!


Die Zitate (1) stammen aus: digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/werner1774/