Linz ist keine Diva, keine dominierende Landeshauptstadt. Linz ist modern und gemütlich. Modern  in seiner Produktivität, gemütlich in den Lokalen und Gepflogenheiten. Linz ist keine Domina; man braucht keine Angst zu haben. Linz hat Vergangenheit und Zukunft. Sportlich. Kulturell. Wirtschaftlich. Linz entwickelt sich, nicht nur von aussen, sondern weil ein paar Ideen verwirklicht sind. Wo sonst sieht man Feuerwerk unter dem Jahr, wo sonst findet Tanz zu Unterhaltung solch einen Zugang. Linz ist Flohmarkt, nicht nur am Hauptplatz, vor allem durch kulturelle Diversität. In einem Jahr erlebt man neben klassischer Größe im Brucknerhaus die Avantgarde der österreichischen Jazzszene in Formation von Mario Rom bis hin zu einem Tanzevent, das bewegt. Nicht nur im Posthof, aber auch. Das Ambiente von Stallungen?, Gewölben - man fühlt sich gleich zuhause. Modern, klassisch, ausdrucksstark. Und auch ein bisschen angelehnt ist die CCDC mit einem Programm, das sich wild butterflies und wings of desire nennt. Angelehnt an einen Film, der in Erinnerung bleibt: Himmel über Berlin von Wim Wenders, von vielen verehrt, kaum nachvollziehbar. „...ist der Ausgangspunkt für einen atemberaubenden Crossover aus Filmmusik, tanzenden Körpern und Projektionen.“

Und dennoch: Dieser Abend bleibt im Gedächtnis, der Ausdruck, die Bilder, bewegend in und bewegt von der Natur, verlockt von Schmetterlingen. Bildhaft - zauberhaft. Moderner Tanz ist für Publikum oberflächlich begreifbar gemacht, eine fantastische Tanzcompany - in diesem Fall aus Taiwan - vorausgesetzt. Lyrisch wie athletisch und „kämpferisch“ bilden sich Bilder - vor allem im Kopf des Betrachters - zu einem Ganzen, einem Film, der bleiben wird. Weil: Angelehnt an den Film Himmel über Berlin von Wim Wenders erregt der Auftritt eines kleinwüchsigen Taiwanesen  vor allem Erinnerungen an einen anderen Klassiker: Wenn die Gondeln Trauer tragen und jagt einem da wie dort noch immer Schauer über den Rücken und Gott sei Dank nicht Messer in den Rücken.

 Verlassen in Venedig, getötet in Venedig. Linz. Wir kommen wieder!


Oberösterreich: Seen und moderner Tanz.

Der Attersee.

 Es ist soviel darüber geschrieben worden. Ich war zu jeder Jahreszeit dort. Ich bin gesegelt und ich bin geschwommen. Er war nicht kalt. Er war angenehm. Und im Herbst ist er pitoresk mit seinen Nebeln. Mit seinen Sonnenauf - und Untergängen. Ich habe sie alle erlebt, im Sommer wie im Winter, doch am schönsten sind sie im Herbst.

 Es ist der schnelle Wechsel von Sonne und Unerreichbarkeit, auch wenn man am Ufer steht. Die Berge tun das Ihrige dazu. Sie sind präsent. Und drohen manchmal, nein: Sie drohen immer. Und am nächsten Morgen löst der sonnendurchflutete Nebel diese Bedrohung mit einem Lächeln auf, um mir zu sagen:                    (Leere).

 Der Attersee, Grab vieler Taucher, Grab vieler Träume, lässt das Geschnatter der Enten zu. Und das wilde und heftige Geräusch des Federkleids, wenn sie sich um Futter streiten. Vor allem im Winter. Wenn die Bänke von Eiszapfen gefangen sind, wenn die Vögel kein Futter finden, wenn es klirrt. Und wenn die Sonne im Frühjahr an genau derselben Stelle die noch taubekleideten Wiesen trifft, ist es wie Freude, die sich weitergibt: an uns alle!

Primozygodactylus danielsi, ca. 47 Millionen Jahre alt, Grube Messel, D, Leihgeber: Senchenberg Naturmuseum, Frankfurt.

Auf jeden Fall ein Geheimtipp ist das Biologie Zentrum Linz. Es eröffnet tiefe und umfangreiche Einblicke in die Fauna und Flora Österreichs und über die Grenzen hinweg. Heuer war eine sehr interessante Schau über Spechte zu besuchen.

 Weitreichende Informationen über das Brut - und Revierverhalten, über den streitsüchtigen Umgang miteinander oder der Unterschied zwischen Nestflüchtern und Nesthockern werden vermittelt. Leider nur relativ kurz, bereits vorbei. Jedenfalls ist es wert, informiert zu bleiben: www.biologiezentrum.at. Die sehr wohlgestalteten Präsentationen dieser Bereiche erfreuen!

Ganz anders stellt sich - gestehen Sie es sich selbst, Sie waren noch nie dort! - das LENTOS dar. Eine Sammlung, die grundsätzlich hochinteressant ist: Wolfgang Gurlitt und seine Freunde. Dazu ist aus der Info zu erfahren: Das Ausstellungsprogramm des LENTOS Kunstmuseum Linz versteht sich als ein bewusstes Zusammenspiel zwischen der permanenten Sammlungs- präsentation seiner historischen Bestände und der temporären Präsentation aktueller Ausstellungen.

Für mich beginnt die Sammlung mit dem Raum: Wie Alles begann. Mit einem wunderschönen Bild eines Dackels auf einem Sofa. Und mit noch ein paar anderen Bildern, sogenannte Aushängeschilder österreichischer Kunst - nicht einmal ganz zu Unrecht aufgrund der Popularität - aber dann endet die Freude. Thematisch und räumlich geordnet präsentiert sich ein modernes Museum unter seinem Wert. Auch durch die ambitionierte Idee Zu schade für die Lade. Das Problem, das sich für den Betrachter stellen könnte - da ungewohnt - ist der Zeitenmix. Themen - Zeiten - Motive. Warum nicht? Ich frage nicht, ich war dort und habe Schönes trotz                 (Leere) gesehen.


Ausschnitt aus der Österreich Premiere im Linzer Posthof vom 30. September:

WINGS OF DESIRE der century contemporary dance company.

Himmel über Linz, 30. September 2016

Gustav Klimt

Frauenkopf, 1917. LENTOS Kunstmuseum Linz

Der Attersee vom Westufer in Richtung Süden.

Schön ist er aber von allen Seiten.

Salzburg: Die Tauern und der „Altmeister“ des Jazz

Das Ziel stand nicht fest. Oben zu sein - nach oben zu kommen, mit all der Höhenangst ist es dann letztlich doch nicht gelungen. Weil es geschneit hat. Der Attersee liegt bereits weit zurück, wir haben Quartiersuche und die hohen Tauern vor uns. Mittersill nennt sich jener Ort, der so ein klassisch schönes Rathaus hat. Mit ganz einfachen Fensterbegrenzungen, die nur in sehr viel früheren Baustilen vorkommen.  

Der Weg dorthin hat uns über Bischofshofen geführt und einen längeren Aufenthalt beschert. Das war es wert. Die Pfarrkirche, erste Bauphasen aus der Mitte des achten Jahrhunderts stammend, hat es mir angetan. Es sind die für einen Ort maßgeblichen „Attraktionen“, immer öfter verschlossen aufgrund von Vandalismus und Kulturfeindlichkeit und darum verständlich. Die Vorbereitungen auf das wohlverdiente Erntedankfest führten dazu, dass die Kirche offen war: Fresken zwischen 1500 - Hieronymus - bis in das 17. Jahrhundert mit der Passion Christi an der Nordwand. Die Ausarbeitung der Gesichtszüge - die erstaunlich feingestaltet und fast schön zu benennen ist - enttarnen den einem Fastentuch angelehnten Malzyklus als eine kunstgeschichtlich hochinteressante Darstellung: nicht malerische Weiterentwicklung steht im Vordergrund, sondern die Art von flächiger, kaum Tiefenwirkung beinhaltende Bildsprache, die gerade die Gotik in Österreich so interessant macht. Und natürlich nicht vom Inhalt und Thema ablenkt.

Die eindrucksvolle und lebhafte Art der Darstellung der Szenen: Flucht nach Ägypten und Betlehemitischer Kindesmord beeindrucken durch die lebendige, bäuerliche und sehr zweidimensionale Darstellung der ausdrucksstarken Personen in den Szenen. Der Künstler verhält sich in Naturdarstellung, oben durch die Flora, unten durch die bewegten Federbüsche auf den Helmen der „Soldaten“, nicht zurückhaltend. Was auch immer die Bäume und die Früchte darauf darstellen, die Burg im Hintergrund ist wahrscheinlich nahe, auf einem Felsen liegend und aus der Gegend. Tamsweg ist nicht wirklich weit. Auch lohnt es, sich die Inschrift näher anzusehen.

Links: Beachten Sie die feine Darstellung der Gesichtszüge, der Mimik. Sie ist ausdrucksstark und zeigt keine Trauer oder Schmerz. Merkwürdig! Wie auch die gemordeten Kindchen, so auch die Mörder: keine Emotion.

Die Berge der Umgebung laden zum Wandern ein. Die Berge der Umgebung laden zum Zuhausebleiben ein. Sie sind richtig hoch. Sie heissen: Die hohen Tauern;

 Venedigergruppe, Großglockner. Endlich erfahren wir, wo, was, wann und wie. Berge, die hoch sind entlassen auch Fälle, die spektakulär sind. Wasserfälle gehören zu Österreich.

 Es ist das Wasser mit Sicherheit das kostbarste Gut, das wir haben. Niemand hat auch nur das geringste Recht, Anspruch zu erheben, es zu verwalten, zu vermarkten, zu verkaufen. Zu handeln. Wir dürfen es mit Ehrfurcht besichtigen und sind überwältigt, welch eine Kraft am Werke ist.

 Die Krimmler Wasserfälle erfreuen in besonderem Maße, da sie abwechslungsreich und spektakulär gleichermaßen sind. Über drei große Stufen zieht sich dieses Naturereignis, das ich Ihnen nahelegen kann, selbst zu besuchen.

Daneben - im wirklichen Sinne dort, wo nicht immer das Wasser talwärts rinnt - gibt es eine besondere Naturschönheit: abgeschliffene Steine. Sie sind sehr groß und beeindrucken mit ihrer Sanftheit, ihren Rundungen. Was man dort auch findet: Zigarettenstummel. Von Leuten, die rauchen und offenbar nichts von Rücksichtnahme verstehen.

Der Natur gegenüber.

Das Wochenende war ausgelegt, in die Berge zu gehen. Das haben wir getan, aber: Nach einem natürlich komplett unvorhersehbaren Einbruch des Wetters, kamen wir am ersten Tage statt auf 2740 Meter Seehöhe lediglich auf ca. 2200. Nachdem wir uns vergangen haben. Der Gipfel war nicht sichtbar, die Schneedecke nahm von Meter zu Meter zu.

 Die Grazer Hütte, von der wir uns immer mehr entfernten, blieb Zufluchtsort und Hoffnung auf ein Gebinde. Es ist immer wieder erstaunlich, wie kurzfristig es aufreissen und zumachen kann. Wir haben beides gleichermaßen erlebt. An drei Tagen hintereinander: Preber, Bauleiteck - 2474m - und Feldkögerl - 2003m. Und dennoch sind nicht die Höhenmeter oder der Gipfel von Wichtigkeit, sondern der Weg, wohin er auch immer führen mag.

 Das Ziel ist es, Ihnen die Schladminger Tauern vorzustellen, mit den zahlreichen und türkis leuchtenden Bergseen auf oft über 2000 Metern. Mit den wunderbaren Blicken auf gegenüberliegende Berge und deren Gipfel, von unten so schön! Im Nachhinein betrachtet bleibt das Gefühl der Kameradschaft am Berg, die Rücksichtnahme und das Gefühl des ersten Schluckes Murauer nach ca. 1000 Höhenmetern. Das bleibt. Genauso wie der Grat die Grenze festlegt: zwischen Salzburg und der Steiermark.

Im Uhrzeigersinn: - Text, - Blick zurück zur Grazer Hütte (im Nebel und Schneesturm nicht sichtbar), - Blick vom Preber nach Nordosten, - Etrachsee vorm Bauleiteck (im Nebel und Schneetreiben nicht sichtbar).

Und weil ein Bergtag so anstrengend ist, kommt es, wie es kommen muss: Man muss sch (l) afen gehen. Dazu gibt es so viele Hilfsmittel. Fernsehen beispielsweise, nur ist es so unglaublich manipulativ, bestimmend und wertend, dass ich mir das Herkömmliche nicht antun will.

 Deswegen mache ich jetzt mein Eigenes: „Nah - und Fernsehen“. Das schönste und schonenste habe ich entdeckt und möchte es Ihnen präsentieren: Schaf - TV! Auf gehts! Probieren Sie es und schlafen Sie gut: Aber bitte nicht weitersagen! (Eine Eigenproduktion des Mürzpanther©) !  

Warum nicht gerade Mauterndorf? Geradezu stolz präsentiert sich die Burg auf ihrem Hügel. Das ist aufgrund ihrer Geschichte auch wenig verwunderlich.  Soll doch schon während der Römerzeit hier ein Kastell bestanden haben. Die Überraschung fällt leider in`s Wasser, denn kommt man aus Tamsweg, ist man bereits alte Baustruktur gewohnt. Es heben sich natürlich die Hauptplätze hervor, in Nachbarschaft begleitet von kleinen Schlössern, dominanten Kirchenanlagen, allesamt Juwele der Baugeschichte Österreichs.

 Das Gute daran ist, dass diese Ortschaften „überblickbar“ sind. Die Einwohnerzahlen zeugen davon. 1700 in Mauterndorf, Tamsweg als Bezirkshauptort weist ca. 5700 Einwohner auf. Daneben finden sich immer wieder auch andere Zahlen: 1516, 326. 1452, 1421, diese belegen nichts anderes als ca. 1 Meter dicke Mauern, aus denen die Gebäude dieser Ortschaften entstanden sind. Damals gab es in dieser Form noch keine Kulturvereinigungen, die Gebäude dienten dem Leben und der Wehrhaftigkeit des Volkes. In Salzburg, wie in der Steiermark.

Tamsweg in Abendstimmung lädt zum Spazierengehen ein. Daneben ein Detail eines Gebäudes aus Mauterndorf.

Die kulturellen Aspekte gipfeln neben der Baukunst einer Region in Kulinarik und Abendunterhaltung. Beides konnte ich in dieser Region in reicher Fülle genießen: Seit Menschengedenken habe ich - in diesem Fall als Nachspeise - wieder einmal einen Rumtopf gegessen. Dieser wurde auf der Burg mit einem Küchlein gereicht. Mein Gott: Hier werden Erinnerungen wach. Das Anlegen eines Rumtopfes hat seine beste Zeit schon hinter sich. Ich glaube, es ist um die 30 bis 40 Jahre her, dass diese Art von Konservierung geradezu modisch war und fast jeder Haushalt - auch in der Stadt - seine eigenen Kreationen hervorgebracht hat. Es ist dies eines der wenigen Beispiele, wie unglaublich harmonisch Früchte mit Ansatz und Ansatz mit Früchten wechselwirkend aromatisiert werden. Eine Geschmacksexplosion!

Links sehen Sie noch ein Häuserdetail, mit viel Sorgfalt und Bezug zur umliegenden Flora. Rechts die Burg zu Tamsweg, Ausgangspunkt eines lohnenden ...

... Jazzabends.

 Niemand geringerer als Karlheinz Miklin - auch Altmeister des Jazz genannt - gab sich mit den zwei Bassisten Ewald Oberleitner und Morten Ramsbol sowie den beiden Schlagzeugern Howard Curtis und Karlheinz Miklin jr. die Ehre. Es ist natürlich nicht erstaunlich, wie zielsicher sich diese Größen des österreichischen Jazz in den verschiedensten Stilrichtungen bewegen und auch Gefallen finden. Selbst wenn man wie ich nur schwer über die Genialität und Improvisationsfreude des Bebop hinauskommt.

 Und plötzlich steht dieses Quintett da. In Tamsweg. Über Initiative der Lungauer Kulturvereinigung. Die für mich gelungenste Nummer des Abends trägt den Titel „Save Ann“, die durch den Kontrast der erfrischenden Impulse des jungen dänischen Bassisten zu der wunderschön konsequenten Linie von Oberleitner gleichsam ein Bild des Rohrschachtestes  ergeben. Die Atmosphäre, die  die  Musiker erzeugen,  läßt an Dichtheit  und  Stimmung nichts

offen. Karlheinz Miklin hat natürlich verschiedene Instrumente vor sich: Auch die Flöte! Diese setzt er in einer langen Intro, in der teils nur die Klappengeräusche zu vernehmen sind so ein, als befinde man sich im Wald: Man hört die Vogelstimmen nicht einfach, man muss sich aktiv um sie bemühen. Es changiert zwischen Freiheit und dem verstärkten, vervielfachten, verfremdeten Geräusch des Windes und der Töne, die eine Meditation über sich und die Stimmen des Waldes hervorrufen: Patagonia.

 Die auf die erste Nummer folgende nach der Pause heißt funk. Ich hätte es mir nicht gedacht: Es ist das vielleicht intensivste Stück des Abends und es war so schön, so rhythmisch, so facettenreich! Eingehend die Perkussion von links, von Karlheinz Miklin jr. kongenial unterstützt und weiterentwickelt von Howard Curtis, dessen stilistische Ausformungen, das Schlagzeug zu bedienen, klare Kontraste aufzeigen. Zusammen sind sie mehr. Und wir sind zufriedener.

Ich glaube - nein ich weiß es, weil ich es fühle: In unserem Verständnis ist ein Gipfelkreuz vonnöten. Die Mühsahl, einen Berg zu erklimmen ist groß. Sie lohnt und befriedigt auf einzigartige Weise. Wenn man oben ankommt, am höchsten Punkt eines Berges - so wie in diesem Fall am Feldkögerl - so spüre ich Dankbarkeit und Ehrfurcht vor der Natur, vor der Naturgewalt, die jeder Berg in sich hat. Um in diesem Moment des Hochgefühls nicht den Boden zu verlieren läßt man den Blick das Gipfelkreuz hinaufwandern, bis sich der Blick über die Spitze hinaus dorthin  verliert, wo man vielleicht einmal hinkommen kann: ohne körperliche Anstrengung, nur mit seinem Gewissen und Glauben.

 

Kärnten: durch die Sonne zur Wiege der Kultur

Mit Kärnten verbindet man so viel: Freude, Speck, Gotik, Täler, Zirberle, Pferdesport, Uhren, Großglockner, Verbundenheit, Gastfreundschaft, das wichtigste: Freunde...


Dort sind meine ersten Berge - die Nockberge mit ca. 9 Jahren?, mein erstes Nachtbaden - am Längsee,  mei erster Wiesenmarkt - in St. Veit an der Glan, mein erster „selbst gepflückter“ Maiskolben - am Feld vom Nachbarn, meine erste Skiabfahrt - in St. Oswald, mein erstes „echtes“ rendez - vous, so viele unbeschwerte und glückliche Stunden am Kegerl.  Und natürlich die Erinnerung an meine Großtanten. Ihre Gepflogenheiten sind noch präsent und auch der Erdkeller, in dem das Gemüse und das Obst gelagert wurden. Heute fühle ich noch die Temperatur, Sommer wie Winter. Ich höre heute noch die Geschichten, wenn die Elstern die jungen Henderln geholt haben, wie der Marder in den Stall reingangen ist. Und dann stand da ein großer weißer Elefant aus Porzellan, den ich immer für so grauenhaft gehalten habe. Und sie haben natürlich mit uns geschimpft, wenn wir wieder einmal etwas angestellt haben.

 Die schönste Erinnerung sind aber die belegten Brote: Riesige Scheiben, die von einem Laib Bauernbrot - dieser Geschmack nach Sauerteig, den es heute noch gibt - heruntergeschnitten wurden, belegt mit: unten Butter, darüber Leberaufstrich, gefolgt von Schinken und ganz oben mit Käse. In meiner Erinnerung hat so ein Brot um die 25 - 30 dag gehabt. Wahnsinn! Ich hoffe, dass jeder unserer Leser solche Erinnerungen hat.

 Das Gailtal kannte ich bis jetzt überhaupt noch nicht. Ganz klar: ein Versäumnis. Denn was es hier zu sehen gibt ist einzigartig, nicht nur für Kärnten! Kunstgeschichtlich und landschaftlich hätte ich mir das nicht vorgestellt.

Links: Dieses Detail stammt von dem Aussenfresko des Chritophorus der Kirche Sankt Markus in Mauthen. Welch eine fantastische Darstellung der Wasserbewohner! Die haben nichts Gutes im Sinn! Rechts: ein hochinteressantes Zeitdokument, entsprungen der Landwirtschaft: „Schmerzensmann, von Handwerkszeug und landwirtschaftlichen Gerät umgeben“. Ein Detail daraus.  

Unten: Eine Darstellung des Marientodes, wunderschön, wie Maria die Kerze hält. Beschrieben wird diese Darstellung mit: „... Künstlerisch wertvoller Freskenzyklus aus der späteren Gotik...“  

Es ist selten genug der Fall: Wenn man sich um etwas bemüht, wird man belohnt. Die Nummer des Verkehrsamtes der Gemeinde Kirchbach zu wählen, hat die Informationen eingebracht, die es uns ermöglichten, einen der ältesten in situ Zeugen romanischer Kunstausformung zu besuchen. Den Schlüssel bekamen wir auf einem Hof, dessen Familie einen Vulgonamen trägt. Dieser Hof lag schon ähnlich hoch, wie die Kirche, die unser Ziel war: auf ca. 890 Metern Seehöhe.

 Sie liegt romantisch im Wald, der Blick auf sie öffnet sich durch den Wald aber erst im letzten Moment, als wir schon knapp vor ihr standen. In diesem Moment gaben die Wolken - und Nebelfetzen die Sonne preis. Die Wärme durch die Strahlen hatten wir lange missen müssen. Wie überall in Kärnten, konnten wir alsbald die Schreie des Bussards hören: Bi - hää. Bi - hää. Und ihn natürlich auch kreisen sehen.

 Sie liegt romanisch im Wald: Durch einen winzigen Durchblick durch das weiß Gott starke Mauerwerk fiel der Blick bereits auf den Innenraum, die Freskierung und ließ Großes erwarten.

 Natürlich habe ich mich vorbereitet, im Tourismusamt von Kötschach habe ich dieses unauffällige, aber noch immer sensationelle Heftchen über die Kultur der karnischen Region in die Hand bekommen. Letztlich ist dieses die einzig verbliebene Broschüre, die einzig verbliebene Information aus diesem Konvolut an Möglichkeiten der Region. Natürlich deshalb, weil sie meinen Interessen entspricht.

Oben: Man muß schon ein wenig Fußweg auf sich nehmen, um zur Kirche zu gelangen. Dann allerdings öffnet sich der Blick mit Sonnenschein.

Darunter: Die Fassade. Sie besticht durch Einfachheit, Klarheit und Funktionalität: eine Wand.

Es ist, wie eingangs geschildert ein einsam liegendes Kirchlein. Es handelt sich um einen romanischen Saalbau. Der Saalraum ist - wie das üblich war - flach gedeckt. Das Licht erreicht den Innenraum dieses Kirchleins durch zwei romanische Schlitzfenster und ein gotisches Spitzbogenfenster. Diese Lichtführung erzeugt im Raum ein herrliche Stimmung. Es ist freundlich und einfach -archaisch, wie viele sagen würden.

 Der Turm, der nachträglich angebaut wurde und ein Christophorus Fresko überkleidet, ist spätgotisch. Dennoch sind die Köpfe von Christophorus und Jesus - siehe Bild unten links - über den Dachboden der Kirche erreichbar und zu besichtigen - ein besonderer Zugang zu einem besonderen Werk.

 Dennoch gehört unsere Aufmerksamkeit der aus dem späten 12. Jahrhundert oder frühes 13. Jahrhundert (die Angaben darüber unterscheiden sich) stammenden Freskierung der halbkreisförmigen Apsis und des rundbogigen Triumphbogens. Als solchen bezeichnet man im in der frühchristlichen Baukunst eine der Apsis vorgelagerte Wand, die durch eine bogenförmige Öffnung die Sicht auf den Chor freigibt. Die Triumphbogenleibung selbst - das „Prophetenfenster“ - besticht durch die sehr lebhafte mimische Darstellung der Propheten. Siehe Bild rechts oben. Auch darauf ist die Technik gut erkennbar: Die Konturen und die Untermalung sind relativ gut erhalten, die Ausgestaltung die „al secco“ erfolgte ist verblasst.



Das Herzstück der Kunst sowie das Herzstück des Inhaltes bleibt natürlich die Darstellung: Christus in der Mandorla. Mandorla heißt Mandel und bezeichnet die Aura, den Schein, der Christus umgibt, weil er mandelförmig ist. So einfach ist manchmal Kunstgeschichte. Mandorlen sind fast durchgehend Christus vorbehalten und eignen sich natürlich als Zentrum in der darstellenden Kunst. Umgeben ist die Majestas domini in diesem Fall von den Evangelisten- symbolen. Diese sind allesamt geflügelt. Für mich bestechen sie durch eine unglaubliche Dynamik und Lebendigkeit. Siehe Bild rechts.


 Die Darstellungen, wie dem Kulturheftchen zu entnehmen ist, gehören zu den ältesten des Landes - und damit gleichsam zur Wiege der österreichischen Kultur. Diese müssen  erhalten bleiben und erhalten werden.

Erfunden haben die Künstler das Licht und die Strahlen nicht. Auch nicht deren Führung, sondern lediglich wie sie eingesetzt wird. Nicht nur in Apsiden. Das ist das obere Gailtal, in der Nähe von Kirchbach.

Wir fahren ein kleines Stückchen weiter in Richtung Hermagor und werden uns mit etwas ganz anderem beschäftigen: einem spätgotischen Kirchlein (Augenverdreh!!!). Aber nicht mit spätgotischer Malerei, sondern mit einer ganz besonderen Form der Darstellung auf Decken: natürlich nicht die textilen, sondern die eines Raumes. Eines besonderen Kirchenraumes. Auch hier ist wieder einmal Fußmarsch angesagt, auf dem Schild im Tal steht: 30 Minuten, gesagt wurde uns 20 Minuten, gebraucht haben wir nur 15 Minuten. Macht auch nichts.

 Wieder einmal bekamen wir den Schlüssel ausgehändigt, wieder einmal konnten wir während des Wartens darauf zwei Greife beobachten, die bereits unseren Dackel anvisiert hatten. Nicht zum Spielen.

Nur keine Angst: wir beschäftigen uns nicht weiter mit dem traumhaften Altar, sei doch eines bemerkt: dieser wurde um 1485 geweiht, das heißt nicht, dass er in diesem Jahr entstanden ist. Der Künstler ist soweit meine Informationen reiche, nicht bekannt. Mir fiel aber sofort der Ausdruck der Darstellung der heiligen Erasma auf und natürlich die Farbgebung des Rahmens mit aufpatronierten Ornamenten!

Vergleichen Sie deshalb: Konrad

Wir betreten das Kirchlein, und mir bleibt der Mund offen. Der Blick ist hinaufgerichtet, wir stehen unter einer unglaublichen Fülle an Darstellung und Motiven: Unter anderem ein Greif, der ein Tierchen reisst; das kommt uns schon irgendwie bekannt vor. Hirsche, die im Wald stehen, zweiköpfige Fabelwesen, die sich über den gemeinsamen Rücken anschauen, Panther oder Affen (genau kann ich es nicht erkennen), die an einem Baum rütteln, wild geflügelte Wesen mit hahnänlichem Kamm und natürlich die Szene mit den Störchen. Das ist ganz großes Kino, das begeistert mich durch die Lebendigkeit und Phantasie der Darstellungen sondermaßen. Auch sind die unterschiedlichen Reihen unterschiedlich farbgestaltet, es ist abwechslungsreich! Wir haben es hier mit Schablonenmalerie zu tun, aber auch mit individuellen Ausführungen. Zwischen den Tierszenen ranken sich Blattwerk, Muster und geben sich Sterne zu erkennen.

Die Schönheit dieses wahren Kulturschatzes kann und will ich Ihnen gar nicht gänzlich näherbringen, durch all die Aufnahmen der Darstellungen.

Sie sollten sich selbst darum bemühen, es ist unglaublich lohnend.  Alleine die Szene mit den Störchen, diese Wildheit der Naturdarstellung! Im rechten unteren Bildteil attackiert eine Storchenmutter einen Fuchs, der gerade ihr Junges reißt! Das ist eine wahnsinnige Dynamik!

Die Technik der Schablonenmalerei ist natürlich sehr alt. Die Werke, die ich Ihnen vorstelle, stammen aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Diese war - natürlich auch weltlich in Burgen genutzt - ein beliebtes Mittel der Gestaltung. Man spricht entweder von schablonieren oder von patronieren. Siehe dazu oben den Rahmen des Altarbildes mit „aufpatroniertem“ Muster. Diese sehr alte Maltechnik, kann einerseits farbig aber auch einfärbig eingesetzt werden. Auch heute bedient man sich der Schablonen für meist dekorative Inneraumgestaltung.

 Eine Eigenheit und Neuheit der Kärntner Kirchen war für mich eine mit floralem Muster stoffbezogene Platte als Schmuck unter den Altären. Ein Abbild der Blumen, eine Huldigung an die Natur, die zudem den Altären etwas Lebendiges und fast Fröhliches verleiht. Das alleine wäre natürlich einmal eine Recherche wert.

 Wenn man in Kärnten ist, muss man leider auch schlafen und wenn man am nächsten Tage weiter will, muss man aufstehen und wird reich belohnt. Durch die Sonne und  deren Aufgang begeben wir uns weiter in Richtung Villach und werden in Kürze in Thörl Maglern stehenbleiben.

Flammend ist die Quelle und flammend die Rezeptoren. Sonne und Fels, Fels und Sonne. Daneben steigen Nebel im Morgenlicht aus der Gail auf. Dieses Naturschau spiel wird mich niemals kalt lassen.

Wir schlagen das letzte Kapitel auf, das in seiner Dichtheit in Österreich seinesgleichen kaum kennt. Es ist diese Fülle, diese Dichtheit, dieses Geschlossene an der Darstellung. Man betritt den Raum mit jener Vorfreude, die man nur von ganz viel früher kennt. Freude auf etwas, dass dann noch prächtiger, leuchtender und funkelnder ist: Wenn die Glocke geläutet wird und die Augen auf das Flackern, das Sprühen und Funken gerichtet sind. Wenn der Glanz aus dem Zimmer strömt und die schönsten Erwartungen übertroffen werden. Ich stehe vor einem Kunstwerk, das noch zu beeindrucken vermag. In seinem Inhalt und in seiner Ausführung. Es ruft nicht das Streben nach Erforschung hervor, es vermag Bewunderung zu bewirken.

Sehr informativ und wohlgestaltet ist die in der Kirche aufliegende Beschreibung der Geschichte, der Fresken und des Lebens des Künstlers.


 Thomas Artula (?), wie zu erfahren ist, oder auch Thomas von Villach stammte nicht aus Villach, sondern aus Thörl. Ewig zu lesen bleibt, dass er aus der Schule Meister Friedrichs stammt und natürlich der Tafelmalerei verpflichtet war.

 Stilistisch möchte ich zitieren aus: Käntner Kunst des Mittelalters: Otto Demus, Selbstverlag der österreichischen Galerie, 1971: „Man hält sich in der Malerei bis ans Jahrhundertende (Anm: Ende des 15. Jhdts.) an Pisanello und die Bolognesen, wie Michele di Matteo, von dem Thomas von Villach entscheidende Anregungen erhalten zu haben scheint.“ Ebendort ist über die Formung der Malsprache zu lesen: „Die künstlerischen Mittel,..., deren sich Thomas von Villach bedient, sind zwar im wesentlichen noch immer die gleichen,...sie sind aber aufs äußerste verfeinert und werden von einer Musikalität getragen, ...“

 Und hier stehe ich nun, habe die Worte der Kunsthistoriker in den Ohren und betrachte jenes Werk, das staunen macht. An mir ist die Entwicklung der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in diesem Moment  vorübergegangen. Losgelöst von wissenschaftlichen Betrachtungen durchdringt mich dieses Schaffen. Weicher Stil. Später oder scharfer weicher Stil. Musikalität.

 Die Fresken erstrecken sich über vier Hauptbereiche: - Die Nordwand des Chores : Das lebende Kreuz, das ostseitig anschließende Joch zeigt die Darstellung der Eucharistie - Über der Ostwand des Triumphbogens: Das Weltgericht. - Die Gewölbemalereien mit Heiligen und Evangelistensymbolen im westlichen Joch.  - Im Chorschluss beeindrucken musizierende Engel mit einer Darstellung der hl. Veronika.

Bewusst habe ich nur wenige Bilder zwischen den hl. Wolfgang und den hl. Andreas gestellt. Die Atmosphäre und der Eindruck ist nicht zu vermitteln. Deshalb möchte ich mich mit einer Bauernregel verabschieden: St. Andreas macht uns den Winter weiß. Deswegen rate ich: Nutzen Sie den Herbst, den bevorstehenden Winter zu einer Kulturreise in Österreich. In ein benachbartes Bundesland, zu den Schätzen vor ihrer Haustüre!

Und sollten Sie jetzt vor Aufregung oder Vorfreude nicht schlafen nicht schläfen, nicht schlähähäfen können, nochmals: SCHAF TV!©