Der Kulturpanther präsentiert

Diese ewige Beschäftigung mit der Frage der Interpretation, die ewige Frage nach dem Inhalt eines Bildes! Vor 400 Jahren wurde das Stillleben eine eigenständige Bildform mit einem neuen Anspruch auf das dargestellte Sujet. Die Sujets haben sich grundlegend geändert: Wir sehen nicht mehr gefällige, oder auch ästehtisch - mahnende Objekte, sondern High End Produkte in Kombination mit Müll. Wir sehen Vanitas Stillleben zeitgleich aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommen, die Grundthemen der Menschen werden so weiterhin behandelt. Es gleicht einer Verschaltung mit dem Stammhirn: Nahrung, Fortpflanzug, Tod. Und gerade das Medium Fotografie scheint sich hervorragend zu eignen, den Inhalt zu transportieren. Von Reizüberflutung und Schönheit, von Historie und Alltag gab auch das Expertinnengespräch im Rahmen der Ausstellung Stillleben - Eigensinn der Dinge mit Martin Prinzhorn, Linguist und Kunstkritiker, Alexander Strasoldo, Experte für Gemälde alter Meister im Dorotheum und Bettina Leidel, Direktorin des Kunst Haus Wien, Auskunft. Das besonders interessante Thema “Vom historischen Stillleben zur aktuellen Fotografie” hat dennoch ein paar Fragen offengelassen, die wir schließen wollen. Deswegen haben wir in das Gespräch Erklärungen eingefügt.

 Andreas Bernthaler, Spargelstill, Privatbesitz

Bei all den Diskussionen über die Zusammenhänge zwischen der klassischen Malerei und der Symbolkraft der modernen Fotografie ist zweifelsfrei der Beginn des Sujets gesichert: Der "Früchtekorb" von Carravagio aus dem Jahre 1595/96, der heute in der Pinakothek in Mailand hängt. Davor galten sie als Randthemen der Malerei und es handelte  sich meist um kirchliche Atribute, die Personen und Heiligen zugeordnet sind. Am Ende des Mittelalters entstanden in der Fresken -, Altartafel - und Miniaturmalerei Tendenzen, sowohl Alltagsgegenstände als auch Natur abzubilden.  Vincenzo Giustiniani wußte im 17. Jahrhundert zu berichten: " ...und Caravaggio sagte, es bedürfe für ihn der gleichen Kunstfertigkeit, ein gutes Blumenbild wie eines mit Figuren zu machen." Caravaggio nimmt in diesem, zu den Gründungswerken  dieser Gattung gehörenden Still bereits die Charakteristika und bildbestimmenden Elementen vorweg, die teils über Jahrhunderte bis heute erhalten geblieben sind: Der reich gefüllte Obstkorb steht auf einer fast waagrechten Tischkante, die das Bild schmal nach unten hin begrenzt. Der Korb ist leicht aus dem Zentrum weg nach links verschoben und läßt die obere Bildhälfte leer.

Aus Stillleben, Eigensinn der Dinge, Kunst Haus Wien

Stillleben Laura Letinsky  Untitled #117 (Hardly more than ever) 2007 Courtesy Galerie m Bochum


Lediglich der sandfarbene Hintergrund (nachträglich übermalt) zeigt die Struktur der Mauer. Wir sehen eine ungemein naturalistische Abbildung von einem Apfel, einem Pirsich, einer Quitte, einer Birne, und weiße, rote und dunkle Weintrauben. Mit Laub. Der Apfel, der von einem Wurm befallen ist und in der Interpretation die heilsgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse darstellt, aber auch so wie der Pfirsich natürlich Fruchtbarkeit (man denke an eine geöffnete Frucht mit Kern), weibliche Kraft, Jugend und Unsterblichkeit. Wer den Lebenslauf von Caravaggio etwas kennt, sieht alles über die Symbolik der Früchte bestätigt. Dem gegenüber stehen die überreifen Trauben, das leicht vertrocknete Laub und von Insektenfraß befallene Blätter Spuren der Vergänglichkeit. Wissend, dass gerade Weinlaub als Symbol für Glück und Fruchtbarkeit steht, haben wir es hier mit einem Bild von Zerrissenheit in dem historischen Vertsändnis von Blüte und Zerfall - alles Fruchtbare ist von Schädlingen befallen - zu tun, das gelesen werden muß. Jedoch tragen verschiedene Kulturfigurationen und andere Muster der bildlichen Kommunikation zur Einschätzung zu Inhalt und was überhaupt ein bildwürdiges Motiv ist, entscheidend bei. So hat Caravaggio jedenfalls die Intention gehabt, durch die neue Bildgattung des Stilllebens die und seine Malerei endgültig von religiösen oder philosophischen Nebenbedeutungen zu befreien. Kulturhistorisch sind aber Assoziationen von beispielsweise Fruchtbarkeitssymbolen nicht zu leugnen, denn die Gegenstände des Alltags und der Natur haben sich eben in ihrer Primärbedeutung nur wenig geändert. Gerade das unterstützt auch die Auffassung, dass die Symbolik mit der Verbreitung der Stillleben im 17. Jahrhundert nur selten so etwas wie eine verschlüsselte Botschaft ist. Die Bilder bieten das für jeden Vertraute an, in dem die Zusammenhänge nicht mehr unserem Weltbild entsprechen. Eines ist aber mit Sicherheit geschehen: Das Stillleben wurde dadurch eine eigenständige Bildform mit einem neuen Anspruch auf das dargestellte Sujet.


Es ist das, worüber alle sprechen: der „Früchtekorb“ von Caravaggio. Ein Beginn und ein Meisterwerk. Mailand, Pinacoteca Ambrosiana.

Alle Bilder, die nicht extra benannt aus: https://commons.wikimedia.org

Bettina Leidl: Können Sie die Bedeutung entschlüsseln, um diese unbelebten Dinge erfahren zu können? In welcher Beziehung stehen sie zueinander und was wollen sie uns heute noch sagen? Das ist auch ein zentrales Thema dieser Ausstellung!

Alexander Strasoldo: Ich glaube, dass nichts von diesen Bildern zufällig ist. Es ist alles arrangiert, es ist alles komponiert. Ich glaube auch, dass wir nicht mehr in der Lage sind, die Botschaften der Bilder zu entschlüsseln, weil wir den Code dafür nicht haben. Es ist keine zufällige Darstellung von Gemüse, im Hintergrund eine Frau, ein Mann und ein Esel, das wird ikonografisch auch teilweise nicht mehr verstanden. Das heißt, es wird nur mehr die erste Ebene und nicht, was dahinter steckt identifiziert. Das ist für uns das allgemeine Problem beim Verständnis dieser Bilder. Es ist zu weit weg und zu verschlüsselt, ohne dass uns ein Schlüssel zur Verfügung stünde. Das Thema Ikonografie wird in den heutigen Hochschulen nicht mehr groß geschrieben, sodass die heutige Generation , die jetzt ihr Studium absolviert hat, in den Beruf geht und mit inhaltlichen Fragen einfach überfordert ist, weil Ikonografie nie gelehrt wurde.

Bettina Leidl: Sind nicht gerade die historischen Stillleben ein Musterkoffer ihrer Zeit, sie zeigen die Zitronen, die Orangen, auch Waren aus der neuen Welt, auch wissen wir, dass es sich um Auftraggeber gehandelt hat, die zum Handel Zugang hatten, weswegen die niederländischen Stills auch das Aufkommen der großen Handelsstädte zeigen und hier auch Reichtum zur Schau gestellt wird.

Alexander Strasoldo: Ich glaube, dass mehr dahinter steckt, wobei der Schlüssel zum Verständnis dieser Bilder im Dunkeln liegt. Was hat beispielsweise Arcimboldo sagen wollen? Sind das Stillleben oder nicht? Stillleben aus Gemüse in Form eines Menschengesichtes, aber letzendlich ein Stillleben.



Bettina Leidl: Auch wir tun uns heute schwer, wenn wir nicht das Wissen um die zeitgenössische Kunst haben, die Bilder zu lesen.

Martin Prinzhorn: In dieser Ausstellung werden sehr viele verschiedene Positionen präsentiert, die sich alle auf Stillleben beziehen lassen, aber sich zum Teil auf die abgebildeten Gegenstände sehr spezifisch einlassen. Auch Anklänge an das Vergehen, an die Vanitas Darstellungen, man findet sehr viele Dinge, die wie bei den meisten Bildern nachdenklich machen. Wie auch bei den alten Bildern ist nichts zufällig. Man versucht sich in dem Raum zurechtzufinden, auch ist nicht die Intention zu sehen, alles klar zu machen und das macht den Reiz der Ausstellung aus.  

Alexander Strasoldo: Ich bin auch erstaunt, wie eng die Verbindung zu den Werken des 17. und 18. Jahrhunderts ist. Diese Werke sind noch so lebendig, dass sich lebende Künstler daran orientieren.


Andreas Bernthaler, Stillleben mit Zitrone - ungeschält, 2014, Toskana, Privatbesitz

Bettina Leidl: Auch wenn man daran denkt, in welcher Hierarchie das Stillleben lange stand. Zuerst die Historien-, Portrait- und Landschaftsmalerei und am Ende das Stillleben, weil es nicht den Ausdruck des Erhabenen hatte. Aber trotzdem ein Genre, das über die Jahrhunderte an Aktualität bis Cézanne gewonnen hat. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch bei Picasso. Die Objekte treten in den Vordergrund und die oft biblischen Szenen in den Hintergrund. Können Sie uns etwas zu dem Verhältnis zwischen Vordergrund und Hintergrund sagen?

Alexander Strasoldo: Der Hintergrund spielte eine Rolle, weil eine Geschichte erzählt wird. Mit der Zeit verschwindet der Hintergrund und die Gegenstände werden Träger der Botschaft. Es ist nicht mehr wichtig, was im Hintergrund erzählt wird, das wird eliminiert. Das entwickelt sich im Laufe des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden und Flandern bis hin zu den reinen Stillleben, wo Gefäße, Blumen oder Früchte für sich sprechen und die Träger der Botschaft sind, so es überhaupt eine Botschaft gibt.


Luis Meléndez-Stillleben mit Melone und Birnen: kalte Farbigkeit und nüchterne Präzision, deren Wirkung auf der Nahaufnahme bei gleichzeitiger Hell/ Dunkel - Beleuchtung beruht. Trotz dieser Beleuchtung ist nicht die Raumtiefe betont, sondern die Oberflächen der Objekte.  Museum of Fine Arts, Boston, https://commons.wikimedia.org

Die Beschreibung des Bildes Stillleben mit Melone und Birnen von Luis Meléndez (spanischer Maler von Stillleben, 1716- 1780) sagt sehr viel aus: Betrachtet man ein Stillleben ohne allegorische Hintergedanken und führt es zurück auf das Sichtbare, sehen wir Alltagsgeschehen und ein glaubwürdiges Küchengeschehen: Nebeneinader gereiht finden sich Körbe und Krüge, Schüsseln und Früchte. Neben der gedrängten Gruppe der rechten Bildhälfte erscheinen zufällig verteilte und weggerollte Birnen im Vordergrund. Wir sprechen von einem Grundschema, einem Programm, dass sich in vielen Bildern wiederholt: Große flächige Volumina im Hintergrund- Keramik, Holz, Korb, Tuch - werden durch kleinteilige und hellfarbige Motive - Melone, Birnen - im Vordergrund ergänzt. Daneben fällt natürlich die Stofflichkeit der verschiedensten Objekte zueinander auf und die gedämpfte Beleuchtung (zum Thema Lichtgebung siehe weiter unten) hin zur Akzentuierung des Vordergrundes. Ausgehend vom Grundgedanken, nichts allegorisches sehen zu wollen, steht der Kunstbetrachtende immer vor der Schwierigkeit, die Assoziationen der Zeitgenossen zu rekonstruieren. Liegt bei dem Bild Caravaggios "Früchtekorb" die Betonung auf der lebensfrohen Kraft oder auf der Vergänglichkeit. Was daran ist natürlich, was künstlich - was alltäglich, was ist ungewöhnlich?

“Mit der Zeit verschwindet der Hintergrund und die Gegenstände werden Träger der Botschaft.”

Martin Prinzhorn: In der Konzeptkunst wird das Bild vielleicht ein bisschen zurückgedrängt und da stellt sich die Frage, ob Stillleben nicht von Anfang an in der Malerei auch Konzeptkunst sind. Diese Ausstellung pickt aus der Malerei ein Thema heraus, das immer schon sehr konzeptuell und fotografisch angelegt war.

Alexander Strasoldo: Es ist vielleicht interessant zu beleuchten, ab wann es Stillleben gibt. Es beginnt im frühen 17. Jahrhundert, aber Vorläufer gab es bereits im Mittelalter in der Wand- und Deckenmalerei und gotische Tafelbilder, die Arrangements aus Gegenständen, deren Aufgabe es war, den dargestellten Heiligen zu identifizieren. Oder die Bedeutung der Mutter Gottes zu unterstreichen. Das waren aber eher Attribute, die sich im Laufe der Zeit verselbständigt haben. Das ging so weit, dass in Flandern die Stillleben nur noch zwei Gegenstände zeigen. Eine brennende Tabakspfeife und daneben  eine kleine Dose aus Ton. Mehr nicht. Es geht von unscheinbaren Bildern eine unglaubliche Faszination aus. Sie faszinieren auch viel mehr als die angehäuften Prunkstillleben. Eben weil sie so minimalistisch sind.

Bettina Leidl: Auch die künstlerische Fertigkeit der unterschiedlichen Oberflächen beeindruckt natürlich. Die Textur der Früchte, der Gefäße oder des Samt, des Faltenwurfes und des Lichtes und der Schatten. Wie wichtig war die Könnerschaft für das Ansehen solcher Arbeiten der Künstler?

Alexander Strasoldo: Man konnte immer schon zwischen den Arbeiten aus der Werkstatt der Künstler und solchen aus der eigenen Hand unterscheiden. Das sind die Details, die es aussagen, die Qualität der Details im Faltenwurf, die textile Oberfläche der Kleidungsstücke von Samt, Seide oder Pelz. Wenn das in Perfektion geschaffen wurde kann man damals wie heute ein Meisterwerk erkennen. Es gibt auch genügend Bilder aus dem Umkreis der Künstler, die nicht dieselbe Qualität besitzen. Das ist für die Bewertung und den Verkauf der Bilder eines der wichtigsten Kriterien. Es zeigt sich, ob die Details der Einzelheiten gelungen oder nicht gelungen sind.


“Es geht von unscheinbaren Bildern eine unglaubliche Faszination aus.”

Aus Stillleben, Eigensinn der Dinge, Kunst Haus Wien

Links: Leo Kandl, Fauteuil im Kunsthistorischem Museum

Rechts: Lucie Stahl, End of tales 2017, Courtesy Freedmann Fitzpatrick, Paris

Bettina Leidl: Wie sehen Sie bei den Arbeiten der Laura Letinsky, die sehr starke Bezüge zur Malerei haben, mit welcher Fertigkeit und Könnerschaft die unterschiedlichen Nuancen des Weiss fotografiert wurden, wodurch man erkennt, wo der Tisch beginnt oder der Fußboden.

Martin Prinzhorn: Das ist natürlich auch interessant, weil hier die Fotografin mit ihrem Medium mehr machen kann als es in der Malerei möglich ist. Da treffen wir wieder auf das Minimalistische, auf das Herausnehmen, sie gebraucht sehr stark das Medium der Fotografie.

Bettina Leidl: Sie haben in ihrem Text auch über die Künstler geschrieben, die den klassischen Fragen der Kunst zu Raum, Struktur oder Farbigkeit und vor allem dem Ort nahekommen.

Martin Prinzhorn: Der Ort spielt immer eine wichtige Rolle, indem der Fotograf beispielsweise das Atelier zeigt. Es gibt in der Kunstgeschichte auch genügend Beispiele, in denen der Maler sich selbst dargestellt hat, elegant gewandet an der Staffelei mit dem Pinsel in der Hand.

Alexander Strasoldo: Er hat sich auch nie als Handwerker, sondern als wohlhabender Bürger dargestellt.

Bettina Leidl: Mit Stillleben assoziiert man auch immer die Vanitas Stillleben, die uns als Betrachter an die Endlichkeit erinnern soll.

vanitas, -atis; f: „Nichtigkeit, Schein, Eitelkeit, Lüge, Prahlerei, Misserfolg oder Vergeblichkeit“ sind verwerflich. Damit geht auch die Darstellung in der Geschichte der Stillleben einher: umgestürzte Gläser, verlöschende Kerzen und Totenköpfe, aufgeschlagene Bücher und eine aufgeklappte Taschenuhr in schummriger Stimmung. Die Zeit ist abgelaufen. Nicht die Todeserfahrung steht im Vordergrund, sondern die Oberflächlichkeit des Erlebens. Und auch hier haben wir es mit dem Problem von Ikonografie und Gewichtung der Einzelbedeutung zu tun. Was sagen uns Wein und Brot: Alltagskost oder eucharistische Gegenstände? Steht der Wein für Trunkenheit, für Lüsternheit und sind Austern Aphrodisiaka? Oder ein Hinweis auf Unreinheit? Fällt in diesem Spannungsfeld nicht gerade der Kontrast auf, sodass vielleicht die Aufnahme des Gemäldes allumfassend wird? Meint die Zitrone die Mäßigung oder ergänzt sie im Genuß die Auster?

“Nicht die Todeserfahrung steht im Vordergrund, sondern die Oberflächlichkeit des Erlebens.”

Links: Vanitas Stilleben von Steenwick  1640, Öl auf Holz, 39,2 × 50,7 cm, National Gallery London, https://commons.wikimedia.org

Rechts: Die aus drei Blickpunkten zur gleichen Zeit ausgelösten Fotografien von Barbara Probst. Kunst Haus Wien.

Alexander Strasoldo: Das wird auch mit einfachen, sehr unterschiedlichen Mitteln erreicht, der Memento Mori Effekt. Es gab natürlich neben dem Totenschädel ganz andere Mittel, es auszudrücken. Man hat leicht angewelkte Blumen dargestellt, Insekten gemalt, die kein langes Leben haben, das waren Hinweise auf die Vergänglichkeit, nicht nur des Menschen, sondern auch auf das Umfeld. Man sieht auch, dass die Menschen im 17. Jahrhundert anders mit dem Tod umgegangen sind, der Tod war alltäglich - auf der Straße oder zu Hause. Er wurde nicht verbannt, wo er nicht zu sehen war, wo er nicht störte. Wenn die Menschen aus der Haustüre gegangen sind, haben sie vielleicht einen verhungerten Bettler gesehen. Das gehörte zum Alltag und zum Leben dazu: Das Leben mündet in den Tod. In der modernen Zeit ist es unterschiedlich: Es gibt gewisse Szenarien - Aids beispielsweise - wo der Tod in das Zentrum rückt, andererseits kann man sehr schnell durch Reisen an Orte gelangen, wo der Tod auf der Straße präsent ist.

Bettina Leidl: Ein schönes Beispiel aus der Ausstellung bringt dazu die Arbeit von Barbara Probst, die diesen Kasten mit den Gegenständen zeitgleich aus drei unterschiedlichen Perspektiven fotografiert hat. Auf einem dieser Fotos ist auch der Totenschädel zu sehen, der aber auf den anderen nicht zu sehen ist. Es hängt also immer von der Perspektive ab.

Martin Prinzhorn: Es ist eine interessante Sache, gleichzeitig auszulösen, sozusagen das Stillleben noch zu übertrumpfen. Gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven eine Szene aufzunehmen. Das geht auch in Richtung Film, weil sie etwas macht, was wir normal nicht können.

Alexander Strasoldo: Gerade das Vanitas Thema zieht sich auch durch alle künstlerische Perioden und ist bis heute präsent. Dadurch ist es uns vertraut.


“Auf der anderen Seite benützte die Mehrheit der Bevölkerung Holzbretter und Holzbecher.”

Bettina Leidl: Ein sehr  bekanntes Motiv aus der holländischen Malerei nimmt auch Andrea Witzmann auf: die verlassene Tafel, die "banketje".

Die ersten reinen Mahlzeitbilder - ungefähr um 1600 vor allem in den Niederlanden und Flandern entstanden - zeigen eine Reihe von Essensgegenständen und Geschirren. Sie zeigen oft nur einen Teller und ein Glas. Das ist nicht Ausdruck eines Festbanketts. Gerade die Gattung der Banketje war dazu geeignet, Reichtum und herausragende Güter einer besitzenden Familie zu zeigen: Teppiche, Damastdecken, Pokale, Porzellanschalen, Gold - und Silbergefäße und natürlich große Käselaibe, die wertvolle und lang gehütete Besitzstücke darstellten. Auf der anderen Seite benützte die Mehrheit der Bevölkerung Holzbretter und Holzbecher. Auch wurden Obstgärten von Patriziern angelegt, währenddessen bei der Bevölkerung Feldfrüchte und Gemüse vorherrschten. Zu den Kostbarkeiten zählten: makellose Äpfel, Melonen, Granatäpfel, Orangen und auch Zitronen. Letztere wird of geschält oder geöffnet dargestellt, als Sinnbild des "sauren Apfel Adams", des unerlösten Menschen. Blumen werden als Vergänglichkeitshinweis aufgefasst, eine Nuß als "weiches Fleisch auf hartem Holz" und der Schmetterling verweist auf die menschliche Seele, die nach dem Absterben der irdischen Hülle weiterbesteht. Bald entwickelt sich dieses Genre weg vom frontalen Blickwinkel hin zu einem seitlich oder schräg aufgefangenen Ausschnitt mit umgefallenen Gläsern, angebissenen Broten und angegessene Pasteten. Eine Veredlung der Eindrücke geschieht durch das hereinfallende Licht und starken Reflexen und Spiegelungen.


Links: Clara Peeters Stillleben mit Käse, Artischocken und Kirschen, ca. 1625, Öl auf Holz, 46.7 × 33,3 cm

Rechts: Floris van Dyck Stillleben mit Käse, Früchten u.a., 1613, Öl auf Leinwand, 49,5 × 77 cm, Frans-Hals-Museum, Haarlem, beide: https://commons.wikimedia.org


Bettina Leidl: Das Thema reicht bis zu den Essensfotos in den sozialen Medien. Angeblich sind das die - nach den Katzenfotos - am häufigsten hochgeladenen Bilder. Anscheinend kommuniziert man auch heute noch viel über das Essen. Ist uns das über die Jahrhunderte geblieben?

Alexander Strasoldo: Maler haben nicht das gemalt, was sie gerade gegessen haben.

Bettina Leidl: Man sieht aber aus der Zeit, welche Speisen verfügbar waren.

Alexander Strasoldo: Natürlich wollte man auch zeigen, dass man wohlhabend war und eine luxuriöse Tafel decken konnte. Das wurde dann in allen Details dargestellt. Denn damit konnte sich der Auftraggeber schmücken und den Wohlstand demonstrieren. Das untermauerte auch seinen Status. Das ging in den Prunkstillleben so weit, dass sie nicht mehr harmonisch sind.

Bettina Leidl: Besonders schön ist die Arbeit von Andrea Witzmann mit der aufgebrochenen Grapefruit (die keine Grapefruit ist, siehe später), den Muscheln und man erkennt dann aber bald, wenn man die Plastikgabeln und die Essstäbchen sieht, dass man vor einem zeitgenössischen Werk steht.

Alexander Strasoldo: Für mich sind die Plastikgabeln unheimlich, bedrohlich ...

Bettina Leidl: Stillleben sind ja nichts für Angsthasen. Ich denke in der Geschichte der Malerei an Mäuse, Totenschädel und zerbrochene Gläser ...

Alexander Strasoldo: Auch die Stillleben mit toten Tieren, mit Jagdbeute werden heute ein bisschen weniger geschätzt. Weil der Käufer seiner Frau nicht vermitteln kann, warum gerade dieses Bild im Speisezimmer hängen muß.


“Stillleben sind ja nichts für Angsthasen.”

Es hat sich letztlich noch ein interessantes Publikumsgespräch entwickelt, dass noch ein Kernthema der Stilllebenfotografie angeschnitten hat: das Licht!


Besucherin: Ich bin heute hier, weil mich dieses wunderbare Stilllebben so angelacht hat. Die Grapefruit war für mich so schön wie eine Blume, und dann habe ich sofort geschaut, was die Künstlerin noch gemacht hat, und habe das Bild mit dem Tintenfisch gesehen. Es fordert mich auf, genauer zu schauen und das hat mich hineingezogen. Dass ein Fahrradreifen und ein Oktopus so ähnliche Strukturen haben können! Kompliment!

Andrea Witzmann: Das Bild war ein Zufall, dass am nächsten Morgen das Sonnenlicht auf die Überreste der Party gefallen ist.


Neben dem oft ungeklärt Inhaltlichen fällt bei den Stillleben natürlich die Lichtführung auf. Diese hat die Aufgabe, die Wichtigkeit vom Geschehen im Bildinneren zu unterstreichen und den Blick der Betrachtung zu lenken. Kommen wir beispielgebend wieder zum "Früchtekorb" zurück, sehen wir nicht nur verstärkte Lichtkontraste, sondern durch seitliche Lichtführung herbeigeführte Tiefenstaffelung. Atmosphärisch abgedunkelt erheben sich leuchtend im Vordergrund die Gegenstände, durch das schräg von links geführte Licht plastisch ausgeleuchtet. Allerdings ist die Darstellung mit Schlaglichtern vor dunklem Hintergrund (ich erinnere daran, dass der Hintergrund übermalt wurde) erst in Nachfolge Caravaggios auf isolierte Blumensträuße, Früchte- und Geschirrgruppen übertragen worden. Diese wurden oft nachgeahmt, Lichteffekte auf Blütenblättern und insbesondere der Schimmer von Licht auf Glaskörpern als Reflex und Lichtbrechung.

“Atmosphärisch abgedunkelt erheben sich leuchtend im Vordergrund die Gegenstände … “

Zwei unterschiedliche Zugänge zu Licht: Links die klassische Variante mit starker Verschattung, rechts stellt sich die Szene ausgeleuchtet dar.  Links: Bekannter Künstler des 21. Jahrhunderts, rechts: Sharon Lockhart No- No Ikebana, Arranged by Haruko Takeichi  2003 Courtesy neugerriemschneider Berlin,

Andrea Witzmann: Das Bild war ein Zufall, dass am nächsten Morgen das Sonnenlicht auf die Überreste der Party gefallen ist. Wir haben mit den Muschelschalen ein sehr ausgefallenes Essen serviert, das waren die Überreste, die ich nicht verändert oder inszeniert habe. Über die Idee, eine Ausstellung zu machen, habe ich dann angefangen Stillleben zu inszenieren. Es war etwas unorthodox.

Bettina Leidl: Aber es ist beides aufgegangen.

Besucherin: Das Bild an den Litfaßsäulen zieht mich sofort hinein, das andere hat so etwas Geheimnisvolles.  

Bettina Leidl: Es hat auch durch die tägliche Bilderflut etwas mit Verlangsamung des Sehens zu tun. Die Stillleben, die ganz klar gesetzt sind, auch wenn sie zufällig entstanden sind. Man fängt die Stimmung des Morgenlichtes ein und es hält einen gefangen. Man muß genauer hinsehen. Gerade im öffentlichen Raum, in dem man sich kaum erwähren kann. Wir denken uns oft: Sieht das überhaupt jemand?

Besucherin:  Darüber steht auch Still (und eine Zeile darunter erst:) leben. Still! leben! Es spricht für mich daraus das Zurücknehmen, verlangsamen. Bei diesem täglichen Überangebot.