Das Neuberg College Projekt`18

„… Das ist auch eine Form von „Angreifbarkeit“. Sie ist anders als Papier. Das Thema hatten wir auch, wie man etwas bewirbt; die Termine kundtut, usw… Es gibt auch eine andere Dimension, die sehr wichtig ist: Wenn jemand hier ist und das Gebäude offen ist. Dass die Leute, die über die Promenade kommen, in Kontakt treten können - oder das einfach nur bemerken. In der Zwischenzeit haben sich schon neue Kontakte hergestellt. Ich glaube, dass sich das im Neuberger Gesprächsnetz bereits verbreitet.“ Johannes Milchram.

Natürlich wird auch heuer wieder der Bahnhof bespielt. Befahren. Betrachtet und erforscht. Eine Einrichtung, die jährlich Überraschungen und Besonderheiten mit sich bringt. Gerade im Gespräch mit den Künstlern aus den verschiedensten Fachgebieten. Es ist zum Erforschen, Staunen und Nachdenken. Wir haben wieder ein Gespräch zu den interessanten Themen des heurigen Jahres geführt. Mit Helmut Ege, Johannes Milchram und Anna Schapiro.

dMP: Es steht in Eurem neuen Konzept für dieses Jahr: "... zur Wiederveröffentlichung des Neuberger Bahnhofs als literarischer, künstlerisch, wissenschaftlich und sozial besonders aktiven Ort ..."

Helmut Ege: Das geht etwas über das Projekt Neuberg Colleg hinaus, weil sich das Gebäude - Bahnhof über diesen Rahmen hinaus öffnen sollte um für anderes auch zugänglich zu werden. In der Präsentation wollten wir einen Überblick jenen geben, die direkte Verantwortung in der Gemeinde übernehmen, um zu kommunizieren, was da vorgeht, weil vielleicht im letzten Jahr der Eindruck entstanden ist, dass vieles nicht ganz klar ist.


dMP: Die Begehung mit dem Bundesdenkmalamt voriges Jahr ist bereits auch konkret in die Pläne eingeflossen? Was machbar ist.

Helmut Ege: Es sind verschiedene Machbarkeiten, von denen wir reden.  Auf der einen Seite steht, was das Bundesdenkmalamt sagt und halten es für durchführbar, weil es nicht gegen das Bundesdenkmalgesetz verstößt. Das hat aber noch nichts damit zu tun, dass wir das Geld und Material aufstellen und die Planung machen müssen. Wir wollen uns schrittweise damit beschäftigen, weil nicht alles auf einmal geht. Im Fokus steht der Mittelteil, in den wir eine Küche einrichten wollen und den sanitären Bereich erschliessen. Einfach eine grundlegende Infrastruktur, die den Bahnhof nicht nur provisorisch nutzbar macht, sondern bessere Bedingungen bringt.


dMP: Gibt es schon Konkretes in der Umsetzung?

Helmut Ege: Natürlich müssen sich das alle, die mitwirken in ihrer Freizeit einteilen, auch haben die Architekten vom Studio magic damit zu tun, was mit den baulichen und nicht mit den inhaltlichen Dingen zusammenhängt. Und da hat es ziemliche Verzögerungen gegeben. Auch in der Kommunikation mit dem Bauamt hier in der Gemeinde. Das Vorhaben für dieses Jahr ist es, den Kanalanschluß bis vor den Bahnhof zu legen. Leider geht bei diesem Projekt nichts schnell.


Johannes Milchram: Natürlich ist es auch so, dass wir nicht einfach eine Wand mit unseren Händen wegnehmen können, weil es auch sehr, sehr gefährlich ist. Ein Baumeister hat sich das angeschaut und gemeint, dass man natürlich die Decke, auch wenn es keine tragende Wand ist, untersuchen und abstützen muss.

So präsentiert sich heuer der Bahnhof: Mit den neuen Werken von Fanni Futterknecht & Miriam Jesacher! Einfach vorbei- schauen!

dMP: Zum Inhaltlichen: Ihr habt schon wieder ein Werk von Rosemarie Waldrop in Bearbeitung. Warum fällt die Wahl wiederholt auf diese Schriftstellerin, was ist das spezielle, spezifische oder der Reiz daran?

Johannes Milchram: Man darf nicht sagen "schon wieder", sondern noch immer.


Helmut Ege: Genaugenommen beschäftigen wir uns mit einem Kapitel aus dem Buch, das wir letztes Jahr auch besprochen haben. Fokussiert auf einen Teil von diesem Buch. Der Text aus dem Buch dissonance steht etwas daneben und wir müssen herausfinden, wie es sich verbinden läßt.  Wir sind in diesem kurzen Gedichttext herumgeirrt und werden das noch weiter tun. Es ist nicht die Wahl, ein Thema fortzusetzen, aber es läßt sich nicht so ohne weiteres abschließen. Wir kommen darauf zutrück. Es hat auch damit zu tun, dass viele, die hierhergekommen sind sich in größerem Maße mit Poesie beschäftigen wollen - unabhängig davon aus welchem Bereich sie sonst kommen. Diese Unzugänglichkeit kann zum Innehalten und Dabeibleiben reizen.


Johannes Milchram: In diesem Zusammenhang könnte man auch sagen - warum diese Dichterin und warum diese Gedichte? - weil die Räumlichkeit, in der sie sich bewegt, korrespondiert mit unserem Zustand in Beziehung zu diesem Ort und Raum. Denn sie begegnet einem Text in Abhandlung aus der Sprachkultur eines Indianervolkes, das es nicht mehr gibt. Den Bahnhof gibt es als Bahnhof auch nicht mehr. Es gibt das Gebäude, das so heißt und es gibt eine große zeitliche und räumliche Distanz. Rosemarie Waldrop hat sich in einer sehr geduldigen und facettenreichen Art und Weise damit auseinandergesetzt. Ich denke mir, warum wir das hier gut machen können ist dass wir uns in einer ähnlichen Lage befinden und man kann irgendwo ihre Arbeit - es ist auch eine Fluchtgeschichte, die sie durch ihre poetische Arbeit auch zu einem neuen zuhause macht - mit unserer vergleichen. Man muß auch diesen Bahnhof erst wieder zu einem Bahnhof machen.


Helmut Ege: Die Beschäftigung mit Waldrop geht natürlich weiter zurück, als es das Colleg gibt. Es ist aber eine bemerkenswerte Konstante, zum Bahnhof und zu diesen Texten zurückzukommen. Es hat sich darüber ohne genau zu sagen, woraus sie besteht eine Verbindung ergeben. Es hat sich ein Verhältnis zwischen diesem Ort und dieser Art von Texten herausgebildet.


dMP: Ihre Texte werden mit den Worten "Hinwendung zu einer internationalen Poetik" beschrieben. Ist Sprache, ähnlich wie Musik nicht ohnedies "übergeordnet"? Und das tanskripiert ihr auf etwas sehr lokales, wie diesen Bahnhof.

Johannes Milchram: das ist das gleiche wie die Beziehung Bahnhof als Gebäude zu Schiene als Weg. Diese muß "überlokal" sein, während das Gebäude darf das nicht sein. Es muß an seinem Ort bleiben und den Punkt befestigen, wo man hinkommt.

 

Helmut Ege: Das ist der Widerspruch zwischen dem Bahnhof als sehr konkreten Ort und der Türe, die zum Bahnhof gehört und dem Bahnhof als Teil der ÖBB beispielsweise, die ein sehr weitreichendes  Verbindungsnetz ist. Und so verhält es sich auch zu dem Kommentar, dass es bei Waldrop eine internationale Poetik gibt. Dem läßt sich schwer widersprechen, aber ich glaube, dass auch das Gegenteil stimmt. Dieses Buch spielt sich sprachlich in Rhode Island ab, auf einer transitorischen Situation - einer Migration zwischen Deutschland und den USA. Das widersprüchliche Verhalten ist sehr produktiv, was Fragen betrifft. Und diese Fragen haben wir sowohl an diesen Ort als auch an verschiedene Eigenschaften  dieser Texte.


dMP: Widerspricht lokal international? Gerade im Roseggerjahr kann man von einer Lokalgröße sprechen, die übergeordnet Bedeutung erlangt hat. Die lokale Färbung ist ja nichts schlechtes!

Helmut Ege: Das bemerkenswerte am Roseggerjahr ist, dass es in eine ganz eigenartige, bemerkenswerte und schöne Verbindung getreten ist, insofern als der Roseggerpreis (Anm.:  der Literaturpreis wird alle drei Jahre vergeben; mit ihm würdigt das Land Steiermark ein gelungenes literarisches Debüt) an Fiston Mwanza für den Roman Tram 83 (Anm.: für den er schon mehrfach ausgezeichnet wurde) gegangen ist. Er ist ein kongolesischer Schriftsteller, der in Graz lebt und auf deutsch schreibt. Bei Waldrop hat dieses sprachkritische Moment, das sehr schwierige hat verschiedene Verbindungen. Vielleicht sollt man das Wort international auch durch "transatlantisch" ersetzen. Eine übersetzende Sprache. Es ist eine große Unachtsamkeit in dem Wort international, das sehr verständlich aussieht, aber nichts aussagt.


Johannes Milchram: In einem anderen Kontext habe ich erfahren, dass Leute, die in einer Fremdsprache zu schreiben beginnen, diese Poesie oder Literatur international machen, weil sie von einer anderen Gegend stammen. Manchmal kommen dadurch die besonderen Formen, die man nur erzeugen kann, wenn man aus einer andern Sprache kommt in die Zielliteratur, zustande. Bei Waldrop ist es Absicht, sie biegt ihre lyrische Sprache nicht zu einem abgerundeten, formvollendeten Englisch. Das braucht manchmal die grammatikalisch  nicht ganz einwandfreien Formen. Das Wort Zielsprache kommt aus dem Dolmetschbereich.


Helmut Ege: Vielleicht müßte man Zielsprache auch übersetzen in eine Sprache des Ankommens, vielleicht eine anfängliche Sprache, die etwas beginnt mit Sachen, die mitgebracht werden und Sachen, die gefunden werden. Bei diesem Ankommen, das einen sehr großen Umfang hat, treffen sehr viele Dinge zusammen und verbinden sich neu. Deswegen ist die Hochsprache eine sehr unfruchtbare Forderung. Aber ich weiß nicht, ob es so zutifft.


dMP: Auch wird dieses Buch dissonance als "einschneidend" verstanden. Ist das zutreffend?

Helmut Ege: Das weiß ich auch nicht.


“Leider geht bei diesem Projekt nichts schnell.”



„Man muß auch diesen Bahnhof erst wieder zu einem Bahnhof machen.”



dMP: Zur Camera obscura. Habt ihr sie bereits eingerichtet?

Helmut Ege: Wir hatten im Februar im Stift eine Camer obscura eingerichtet. In einem Abstellkammerl konnten wir auch eine Dunkelkammer einrichten. Die grundlegende Überlegung war, sich mit dem Sammeln von Licht zu beschäftigen. Gerade in diesem sehr anfänglichen fotografischen Verfahren wird das besonders sichtbar.  Wenn man in der Dunkelkammer steht und durch das Loch das gebündelte Licht auf eine weiße Fläche fällt, sieht man etwas ohne ein Foto gemacht zu haben. Das Merkwürdige daran ist, dass die Welt dabei auf dem Kopf steht und das steigert sich, wenn Leute vorbei gehen. Auf dem Kopf! Das ist eine ganz seltsame Erfahrung. Dann haben wir das auch auf Papieren festgehalten und einige Fotografien gemacht.  

 

dMP: Ihr hattet eine Lochkamera? Wie entsteht da ein Foto?

Helmut Ege: Man legt in der Dunkelkammer ein Fotpapier an der Rückwand ein, öffnet das Loch, belichtet und entwickelt dann das Papier.


Johannes Milchram: Auch Viktor Kaplan hat in seiner Schulzeit damit Aufnahmen gemacht. In der Waltergasse im 4. Bezirk hat er über eine Camera obscura Referate gehalten. Auch der Dichter Ferenc Szijj ist Cameraobscurist.


Helmut Ege: Wir haben mit der Lochkamera auch einige Gruppenfotos im Winter gemacht. Dabei sind wir zwanzig Minuten im Schnee gestanden. Es entstehen allerlei schemenhafte Gestalten, weil nicht alle ruhig halten konnten. Man beginnt mit den Umrissen zu spielen und es bekam etwas gespenstisches durch die lange Belichtungszeit.


dMP: Was ist dabei Euer Zugang?

Helmut Ege: Es ist ein experimentieren, was dabei entsteht. Die Überlegung, die dahinter steckt, ist dass die Fotografie in dieser Form etwas mit Schrift zu tun hat. Ganz gleich welcher. Vielleicht in eine Beziehung zu einem bedruckten oder beschriebenen Blatt treten kann. Das langsame Füllen wie beim Bedrucken geschieht mit einem Foto. Das hat eine Ähnlichkeit.


dMP: Und wie wollt ihr die Logografie einfügen, verwenden?

Helmut Ege: Wir müssen es zuerst einmal bilden. Es gibt von dieser Woche noch keine Bilder aus der Camera obscura. Wir müssen sehr viel noch herausfinden. Das ist ein Forschungsvorhaben, eine unausgesprochene Frage ... Auch haben wir heute mit der Arbeit mit dem babylonischen Talmud begonnen.  Ich bin dabei so verwirrt, dass ich gar nicht weiß, was ich dazu sagen soll ...


dMP: Und ich weiß nicht, was ich dazu fragen soll.

Helmut Ege: Es ist ein Thema, mit dem man sich wunderbar verirren kann. Je länger man sich damit beschäftigt, desto weniger weiß man darüber ... Das ist ein unglaublicher Vorzug.



„In der Waltergasse hat Viktor Kaplan Referate über die Camera obscura gemacht. Auch der Dichter Ferenc Szijj ist Cameraobscurist.”

Die Interviewpartner: Links Helmut Ege und Johannes Milchram.  

dMP: Ihr arbeitet auch mit Kindern? Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ist es bereichernd. Wie soll die Mehrsprachigkeit einfließen? Es gibt auch mit einem schwedischen Verlag Gespräche, um ein Buch zu erstellen?

Anna Schapiro: Vor zwei Jahren haben wir mit den Kindern gemalt und das war spontan. Auch die Eltern waren dabei etwas frei. Die meisten der Kinder haben arabisch oder persisch gesprochen. Dadurch konnten wir nicht miteinander sprechen, aber das Malen hat die Kinder geöffnet und sie haben sich ganz anders bewegt. Dieses Jahr sind es zwei Nachmittage, wodurch wir etwas machen können, das aufeinander aufbaut. Wir wollen in Gruppen auch Geschichten aufschreiben, oder Sätze, die zu Zeichnungen dazukommen. Das kann in jeder Sprache passieren. Auch längere Geschichten können erzählt werden.


dMP: Wer schreibt das auf?

Anna Schapiro: Es kommt natürlich darauf an, ob das Kind bereits schreiben kann. Oder ein anderes, ein älteres Kind übersetzt ganz natürlich. Oder wir schreiben es auf arabisch und deutsch.


Helmut Ege: Oder auch auf portugiesisch. Es sind dann viele Sprachen hier versammelt. Diese Mischung ist spannend, wie auch die Begegnung beim Malen.


Anna Schapiro: Es gibt aber nicht den Plan, dass sich alle hinsetzten, ein Bild malen und eine Geschicht erzählen. Wir decken den Tisch mit den Malfarben und sprechen viel miteinander.  


dMP: Das entsteht bei Kindern dann ganz von selbst ... An zwei Nachmittagen?

Helmut Ege: Ja, am Donnerstag und am Samstag Nachmittag, ab 14 Uhr. Am Tag des offenen Bahnhofs.


dMP: Das wird dann auch gebunden?

Helmut Ege: Eines nach dem Anderen. Zuerst müssen die Bilder entstehen. Vielleicht muß man das Buch nicht in den Vordergrund stellen.


Anna Schapiro: Aber wenn die Kinder dann mehr Lust haben, ein Theaterstück zu machen, werden wir es inszenieren.


Helmut Ege: Zu Deiner Formulierung "und endlich einmal ein Buch". Wir haben vom letzten Jahr ein Buch vorbereitet, das gerade gedruckt wird. Über diese Projekttätigkeit. Das wird eine katalogartige Publikation mit vielen Texten und Bildern. Ähnlich einem Portfolio.


dMP: Herzlichen Dank für das Gespräch!

„Diese Mischung ist spannend, wie auch die Begegnung beim Malen.”


Bild rechts: Eine fantastische zeitgenössische Aufnahme des Stiftes in Neuberg an der Mürz mit einer Camera obscura. Hergestellt wurde sie diesen Winter von Teilnehmern des Neuberg College.

Im Bildervergleich: Links das Bahnhofsgebäude mit einr relativ modernen Digitalkamera. Rechts mit viel Charme das gleiche Gebäude mit der Camera obscura.