Der Kulturpanther präsentiert

Stillleben - Eigensinn der Dinge ist eine recht gelungene Präsentation eines Sujets, das in der klassischen Malerei eines der jüngsten ist, in der Fotografie hingegen hat es sehr bald Einzug gehalten: das Stillleben. Es hat über die Jahrhunderte Blüten getrieben mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Am Anfang stand Caravaggio, Mitbegründer des Genres und gleichzeitig bereits meisterlich in der Umsetzung mit subtilen, eigenständigen Charakter. Die Ausstellung im Kunstahaus Wien beleuchtet im Kontext zur klassischen Malerei und damit zum Einfluß auf die zeitgenössische Interpretation die neuesten Entwicklungen.  

Wir beginnen mit dem Zeitgenossen und Wegbereiter der österreichischen Fotografie, Leo Kandl. Es ist oft ein stiller Blick auf das Gegebene, das ihn auszeichnet. Bei Kandl bekommt auch der Begriff Vergangenheit die Bedeutung des Gesehenen - für mich. Und damit auch die Bedeutung des Bewahrten und Bewahrenden, das durch seine Menschlichkeit gewinnt. Wir haben über das Vergangene und die Gegenwart in Form der Ausstellung gesprochen. Ein Stillleben des Moments. Eine Momentaufnahme von Stills.

“Zunächst waren viele skeptisch, einige dachten, ich mache das für die Polizei (O- Ton: He) oder für die Kronenzeitung.”

“Die Steiermark war und ist eine große Stätte für Fotografie und sie wurde sehr früh vorangetrieben.”

dMP: Würdest Du dich selber als bekannten, österreichischen Fotografen bezeichnen?

Leo Kandl: Ja.

dMP: Nachdem Du ja sehr früh bereits bei der Fotografie warst, auch als Wegbereiter in Österreich?

Leo Kandl: Das kann man schon sagen. Ich habe auch bei der großen Ausstellung "Geschichte der Fotografie in Österreich" mitgearbeitet und habe den Themenbereich Pressefotografie und Fotojournalismus bearbeitet. Zurück bis in die Sechziger Jahre. Ich habe aber auch in der Wiener Zeitung für die Fotoseite im "Extra" geschrieben. Jede Woche einen Artikel über Fotografie über eineinhalb Jahre lang. Das waren Beiträge von internationalen oder klassischen österreichischen, oder auch jungen Fotografen mit Interviews.

dMP: Du bist bereits lange in großen Fotoausstellungen vertreten, wie kam es dazu?

Leo Kandl: Schon während der Akademiezeit hat mich die Fotografie interessiert. Danach hatten wir einen jour fix mit fünf oder sechs Leuten, an dem wir uns über Fotografie unterhalten und über unsere Arbeiten gesprochen haben. Daraus ist 1977 eine erste Ausstellung entstanden, an der auch zwei Schüler von mir, die gerade die Matura im Theresianum absolviert hatten, teilgenommen haben.

dMP: Was hast Du damals gezeigt?

Leo Kandl: Portraits, die ich auf der Straße fotografiert habe.



Blick auf das Werk von Leo Kandl in der Ausstellung Stillleben Eigensinn der Dinge. Kunsthaus Wien.

dMP: Kann man Deine Fotografien charakterisieren, was macht Deinen Stil aus?

Leo Kandl: Thematisch auf alle Fälle, meine Arbeiten hängen eng mit dem Gesellschaftlichen zusammen. Es interessieren mich auch Monumente, die Geschichte in sich tragen, darüberhinaus gibt es im Bereich Stillleben die Momente, die einen historischen Bezug herstellen. Natürlich interessieren mich auch die Menschen und der Zugang zu Ihnen. Dieser kann mich richtig hineinziehen, weil ich im Bild auch immer das Umfeld miteinbeziehen möchte.

dMP: Mit dem Band "Weinhaus" 1979/ 1980 bist Du bekannt geworden. Das hat auch eine starke soziale Komponente. War das von vornherein so konzipiert?

Leo Kandl: Dazu ist zu sagen, dass ich das nicht einfach nur fotografieren konnte. Die Vorarbeit dieser Portraits von der Straße, die sich dann in ein paar Lokale hineingezogen haben, beispielsweise am Südbahnhof (Anm.: jetzt Hauptbahnhof) in die Ausschank, war folgende: Jedesmal habe ich zwei, drei  Polaroids von den Menschen gemacht, wovon ich mir eines behalten habe und das andere hat der Portraitierte bekommen. Wir haben dann beide etwas daraufgeschrieben - das war Kommunikation. Damit bin ich in die Wirtshäuser gegangen und habe diese und kleinformatige Vergrößerungen den Leuten geschenkt. So hat sich das weiter entwickelt und es wurde zum Selbstläufer. Zunächst waren viele skeptisch, einige dachten, ich mache das für die Polizei oder für die Kronenzeitung. Ich wollte aber einfach einen Aspekt von Wien auch in Ausstellungen zeigen. Vieles habe ich in internationalen Zeitschriften und Katalogen gesehen und natürlich auch was in Wien gezeigt wurde: Das waren immer Tourismusbilder. Der Heurige, ein Fiaker, der Naschmarkt mit einer Frau mit einem mords drumm dicken Hintern ... Es waren immer so plakative Bilder. Ich habe mir damals gedacht, dass es auch etwas anderes geben muss. So bin ich dazu gekommen.



Leo Kandl in seinem Labor und rechts eine der bekannt gewordenen Fotografien aus der Serie „Weinhaus“.

dMP: Das hat aber sicher Jahre gedauert, auch bis der Fotoband verlegt wurde.

Leo Kandl: Natürlich. Ich habe bei diesen Fotografien Farbe sehr spärlich eingesetzt und der soziale Kontext ist immer gegeben. Es ist die Darstellung der Situation.


dMP: Du arbeitest auch weiterhin analog?

Leo Kandl: Ja, ausschließlich. Ich habe die Dunkelkammer auch hier - willst Du sie sehen?


dMP: Sehr gerne. Ich habe ja bei Dir in der Schule vergrößern gelernt. Was sind die Vorzüge für Dich, analog zu arbeiten?

Leo Kandl: Das Material, es geht auch um Körnung und die Grautönung, die meiner Meinung nach noch immer viel tiefer ist. Ich habe auch alle Negative archiviert.


dMP: "Free portraits" war auch eine großangelegte Aktion?

Leo Kandl: Ich habe in Wien, London, New York, Moskau, Kiew und Teheran fotografiert. Dazu habe ich in den Ländern eigens Inserate in den Zeitungen geschalten und dann bis zu einem, zwei Monate dort verbracht. Die Erfahrungen waren ganz unterschiedlich: In New York haben so viele angerufen, das war unglaublich! Einige haben die Fotos für ihre Sed Karten verwendet. Auch heute komme ich thematisch immer wieder zur Straßenfotografie zurück.

dMP: Die Fotografien der letzten Ausstellung vor zwei Monaten war auch im Iran angesiedelt. War sie erfolgreich?

Leo Kandl: Ja - verkauft habe ich aber nichts.

dMP: Das ist aber auch ein Grund eine Ausstellung zu machen. Ist Fotografie in Österreich noch immer schwierig zu platzieren?

Leo Kandl: Es ist besser geworden. Vor vierzig Jahren war Fotgrafie in Österreich überhaupt nicht präsent. Mittlerweile gibt es viele Galerien und Museen, die sich der Fotografie annehmen.

dMP: Auch weil die Preise für die Werke gestiegen sind?

Leo Kandl: Schon. Ich selbst habe aber keinen Galeristen in Wien. Ich stelle aber in Galerien aus und hin und wieder wird auch etwas gekauft. Auch Museen wie die Albertina oder das Museum der Moderne in Salzburg kaufen an.

dMP: In Salzburg warst Du ja in der Ausstellung "Österreich. Fotografie von 1970 - 2000" ebenfalls vertreten.

Leo Kandl: Genau. Die Ausstellung wurde zuvor in der Albertina gezeigt.




“Einerseits sagt man, dass es Kunst sein soll, andererseits wird es dahin übertrieben, dass es Kunst sein muss.”

dMP: Zu den Stills:  Dein Foto, das ich vor Jahren im 21er Haus gesehen habe, das Sakko über der Sessellehne - ist das für  Dich ein Stillleben?

Leo Kandl: Es geht schon in die Richtung. Mit diesem Sakko - mit Stoffen überhaupt - gibt es eine große Serie. Diese war auch in Graz im Forum Stadtpark ausgestellt. Das Thema damals war: Archiv. Das hat mich immer interessiert. Ein Foto bei der Stilllebenausstellung im Kunsthaus ist aus dem Kriegsarchiv. Auch das Gewand ist so zu sehen, aus Konotation von Eleganz und Nichteleganz, Träger und Trägerin ...

dMP: Es suggeriert beim Betrachter etwas. Man kann nur mutmaßen.

Leo Kandl: Damit habe ich mich lange fotografisch auseinandergesetzt, zu Beginn habe ich mir Kleidungsstücke über Annoncen zusammengesucht. Zu Hause habe ich sie dann aufgebaut und die Arrangements fotografiert.

dMP: Sind die anderen Stillleben, die im Kunsthaus von Dir gezeigt werden, als klassische Stills zu bezeichnen?

Leo Kandl: Die Schachteln des Archives - die anderen sind Teile aus der alten Kunstkammer im Kunsthistorischem Museum. In Vitrinen standen durchscheinende Gefäße aus Bergkristall. Die Fotos davon hängen zur Zeit im Kunsthaus.


Unten: Stillleben Andrzej  Steinbach Untitled wet jacket 2016 c artist Court Gal Conradi, Quelle: Kunsthaus Wien

 

dMP: Du hast eine große Vorkenntnis in Kunstgeschichte. Tut man sich heute schwer, etwas wie eine Bildkomposition herauszulesen? Oder Farbsymbolik. Fehlt das heute?

Leo Kandl: Ich glaube schon, dass es da ist. Gerade in der Ausstellung gibt es sehr viele interessante Lösungen, die auf das traditionelle Stillleben vielleicht nicht direkt zeigen, aber anknüpfen.

dMP: Findet man das in Deinen Bildern? Wie legst Du ein Still an? Entsteht das Bild durch das Arrangieren?

Leo Kandl: Genau. Zusätzlich sind zwei oder drei Bilder von mir zu sehen, auf denen ich angelehnt an die Vitrinen des Kunsthistorischen Museums Gläser zu Hause arrangiert habe. Die anderen sind irgendwie "gefundene" Stillleben. Sie sind aus einem Ensemble herausfotografiert.

dMP: Bei Gegebenem hat man keinen Einfluß auf die Lichtführung ...

Leo Kandl: Oder man wartet. Im Kunsthistorischen war - glaube ich - nur Tageslicht. Ich habe mir die Ausstellungsstücke wie ein Still angesehen und habe dann mit der Kamera einzelne Szenen festgehalten.

dMP: Gibt es beim Betrachten des Hergestellten Zufriedenheit?

Leo Kandl: Das dauert eher lange, weil ich es nicht sofort beurteilen kann. Ich brauche Zeit um die Auswahl zu treffen. Über die Negativstreifen und viele Vergrößerungen führt der Weg zur Auswahl. Manchmal muss ich es auch weglegen.

dMP: Eine Jacke, die auf der Erde liegt, wird auch als Still präsentiert. Hat ein Still nicht auch immer einen ästhetischen Wert - zumindest bis jetzt gehabt?

Leo Kandl: Heute ist es die Irritierung, die angestrebt wird. Und die Verunsicherung.

dMP: Löst man ein Sujet bewußt heraus und nimmt die Qulitätsmerkmale weg, um einen neuen Weg zu gehen - der wohin führen kann?

Leo Kandl: Es ist eine Neudefinierung, die eine Entwicklung nimmt ...


Im Portrait: der Fotograf.

dMP: Hast Du eine Verbindung zur Steiermark?

Leo Kandl: Meine erste Ausstellung ausserhalb von Wien war in Graz. Mit dem Forum Stadtpark bin ich auch immer wieder zusammengekommen. Beim Landesförderungspreis war ich auch zweimal in der Jurie. Die Steiermark war und ist eine große Stätte für Fotografie und sie wurde sehr früh vorangetrieben. Da war Wien noch lange "hinten".  

dMP: Was würdest Du dir in Österreich von der Entwicklung wünschen?

Leo Kandl: Es ist bereits ein bisschen angekommen, aber die Präsentation in der und für die Öffentlichkeit hinkt nach und größere museale Aktivitäten setzt  man leider noch immer nicht. Vieles wird nicht beleuchtet, toll wäre es, wenn man auch das Medium stärker in den Vordergrund rückt. Ich denke da auch an die angewandte Fotografie, oder auch Pressefotografie.   

dMP: Liegt es auch daran, dass es als Kunstform noch immer nicht verankert ist?

Leo Kandl: Einerseits sagt man, dass es Kunst sein soll, andererseits wird es dahin übertrieben, dass es Kunst sein muss. Das ist es aber nicht immer, es kann einfach ein guter Bericht auch über etwas wissenschaftliches sein, nicht zwingend Kunst. Es trägt dazu bei, dass ein Thema spannend und gut behandelt werden kann. Wie auch beispielsweise Unterwasserfotografie.

dMP: Die gängigsten Medien bedienen sich aber aus Bildagenturen. Wodurch Berichte vereinheitlicht werden. Damit unterbindet man in der Öffentlichkeit die Beschäftigung mit diesem Medium.

Leo Kandl: Ja. Es gibt auch die internationalen Fotoauktionen. In London. New York, etc. In diesen sind zu 90% immer wieder die gleichen Namen.

dMP: Auch in der Galerie Westlicht habe ich bei der Präsentation der letzten Auktion nicht nur die Namen, sondern auch die Bilder gekannt. Das bringt aber den Auktionserfolg ... Andere Namen interessieren kaum.

Leo Kandl: Viele denken sich auch grundsätzlich: "Was soll man mit einem Foto machen?" Ist das Kunst?

dMP: Ist Leo Kandl Kunst?

Leo Kandl: Mir ist das wurscht ...

- ich muß lachen -

Leo Kandl: Wenn es im Museum hängt ist es eh schon gut. Und in der Albertina. Ich sage: Ich bin Fotograf!

dMP: Das ist das beste Schlußwort! Danke für das Gespräch!



DMP: “Ist Leo Kandl Kunst?”  Leo Kandl: “Mir ist das wurscht ...”


Oben: Eines der oben angesprochenen Stills, das zur Zeit im Kunsthaus Wien zu sehen ist: Stellage im Kriegsarchiv von Leo Kandl.

Durch die Gegebenheiten von Licht und Situation im Kunsthistorischen Museum entstandenen Stillleben von Leo Kandl.