Die Blauracke

Coracius garrulus - vor dem Aussterben in Österreich.

Zur Situation: 2018 brütete erstmals kein Blaurackenpaar in Österreich, berichten das Naturhistorische Museum Wien und BirdLife Österreich kürzlich. Die Ursache dafür wird hauptsächlich in der genetischen Verrmung der Brutpaare in der Steiermark gesehen. Während die historischen Proben aus Österreich aus den Jahren 1874 bis 1931 genetisch äußerst variabel waren, sank die Diversität von Vögeln aus späteren Jahren stetig, bis sich schließlich in der Gegenwart die Racken genetisch einander extrem stark ähnelten.Doch woraus resultieren diese? Darüber sind sich die Wissenschafter in der Studie: “Beim Aussterben zusehen" ("Witnessing extinction") einig: Verantwortlich dafür ist der Verlust der geeigneten Lebensräume, wodurch die verbliebenen Vögel immer seltener bzw. gar nicht mehr brüten.

Nach Angaben von Birdlife sind in den vergangenen 20 Jahren die Bestände der meisten heimischen Feldvogelarten völlig eingebrochen. Als Grund wird die Intensivierung der Landwirtschaft geortet: frühes und häufiges Mähen der Wiesen, Verlust von Hecken, Feldrainen und Einzelbäumen, Rückgang von Ackerbrachen und Altgrasflächen sowie der Einsatz von Pestiziden.

Wir bringen Ihnen in Folge alle relevanten Argumente, Fakten und das Interview mit dem Kurator der Zoologie/ Vogelkunde des Joanneums, Dr. Peter Sackl.


Aber warum ist das Dasein einer Vogelart überhaupt von Interesse? Weil in der Natur, in der Biologie und damit für das gesamte Gefüge auf diesem Planeten jedes Tier, jede Pflanze seine Spezialisierung und damit seine Bedeutung für den Kreislauf hat. Ein Ökosystem ist umso stabiler, je artenreicher es ist, weil es resistent gegen Störungen ist. Für den Nährstoffkreislauf im Ökosystem stehen dann alternative Wege zur Verfügung. Veränderungen hat es beispielsweise klimatisch immer auch natürlich gegeben, das Fehlen oder Aussterben aus dem Gefüge folgte dem Wandel der Natur und konnte aus der Natur auch durch Anpassung ersetzt werden. Das ist in einem Zeitraum von fünfzig bis hundert Jahren natürlich nicht möglich. Das Bestäuben bestimmter Pflanzen durch bestimmte Insektenarten kann nicht kompensiert werden, auch wenn die "Wissenschaft" Lösungen anbietet, die einen Beobachtungszeitraum von zwanzig Jahren nur selten übertrifft. Die Auswirkungen sind für den Moment nicht spürbar, die Notwendigkeit daraus Änderungen herbeizuführen demnach nicht gegeben. Propheterie braucht man nicht zu betreiben, um sagen zu können, dass das Aussterben jeder einzelnen Pflanzenart, Insektenart, Vogelart oder Säugetierart zum Nachteil der Natur ist. Wärme der Erde zu entziehen, Eingriffe in die Diversität des Waldes, Reaktoren und Wasserkraftwerke schädigen, Windkraftwerke, Agrarindustrie und Flächenverbau schädigen. Das Einbringen von Neophyten führt zur explosionsartigen Vermehrung auch von Schädlingen, natürliche Futterpflanzen verschwinden, Insektenarten sterben aus. Vogelarten leiden, Säugetiere müssen nach deren "Verschwinden" vor fünfzig bis 100 Jahren neu angesiedelt werden.

Umweltverträglich ist ein anderer Begriff für das etwas langsamere Zerstören der Umwelt. Umweltfreundlich ist ein anderer Begriff dafür, dass die Zerstörung, die “zum Wohle der Menschen geschieht”,  aus dem medialen - und dem generellen Interesse für Schäden nicht erwächst oder aus dem Gedächtnis der Menschen schnell verschwindet.

Wozu dafür etwas tun und welche Bedeutung hat ein reiches Ökosystem eigentlich für den Menschen? Es steht für:

- Regulation des Wasserhaushaltes

- Schutz vor Hochwässer, Lawinen oder Hangrutschungen

- Bodenbildung

- Bestäubung von Blütenpflanzen

- Schädlingskontrolle

- Klimaregulation.

Und das alles auf natürlichem Wege.  Aber der Mensch ist einfallsreicher, Technik ersetzt auf Schritt und Tritt den natürlichen Ablauf, damit Politiker entsetzt im TV auftreten können, um zu bedauern, dass alles für den Schutz der Bevölkerung gegen die Lawine gemacht worden ist!


Um das angesprochene reiche Ökosystem zu erreichen können Sie bequem von zuhause aus Fernreisen buchen, nationalen Politikern zustimmen, die über Nachhaltigkeit sprechen, der effizienteste Schutz erfolgt durch "globale Strategien", wie jene zur Biodiversität 2011-2020 der Vertragsstaaten der CBD (Anm.: Übereinkommen über die biologische Vielfalt; Convention on Biological Diversity ist ein am 29. Dezember 1993 in Kraft getretenes internationales Umweltabkommen) . Darin verpflichten sie sich in Punkt 1:

- Zur vollständigen Umsetzung der bestehenden Naturschutzvorschriften und des Netzes der Natura 2000-Schutzgebiete zur Erreichung wesentlicher Verbesserungen des Erhaltungszustands der Lebensräume und Arten;

Das Resultat der "globalen Strategie"  kann sich in Österreich sehen lassen:

Ausgestorbene Vogelarten in der Steiermark seit den 1980er Jahren: Grauammer, Rötelfalke, Steinkauz, Schwarzstirnwürger, Bekassine, Blutspecht, Zaunammer, Schleieraule, Schwarzhalstaucher, Heidelerche; die Blauracke ist seit vorigem Jahr ausgestorben. Wie sich der weitere Erfolg der globalen Strategie und damit die Liste des Artensterbens fortsetzt, werden wir in den nächsten Jahren erfahren.


Davor aber noch ein kleiner Rückblick auf die Presseaussendungen (ein Auszug) von Birdlife seit dem Bestehen der “globalen Strategie” zur Verbesserung der Lebensräume und Arten und wir beginnen mit einem Zitat aus Avifauna Steiermark (Leykam Buchverlag):

Nachdem 2006 infolge von Habitatverbesserungsmaßnahmen wieder 19 Bp. mit 17 erfolgreichen Bruten festgestellt werden konnten, wurde im Jahr 2008 im Kerngebiet des Brutvorkommens eine Hochspannungsleitung errichtet. Trotz einer Vereinbarung mit dem Bauwerber ... wurden die Arbeiten im kritischen Zeitraum der Brutzeit nicht ausgesetzt.

13. Nov. 2012: Jetzt kurz vor Programmende schlagen die Naturschutzorganisationen Alarm: wenigstens ein Drittel der von den Naturschützern hart erkämpften 160 Millionen wurde nicht wie geplant für Artenschutzprojekte ausgegeben, sondern für betriebliche Investitionen und Forststraßenbau verwendet. "Da wundert es niemanden mehr, wenn Arten wie Ortolan oder Blauracke hierzulande verschwinden", bringt Gerald Pfiffinger Geschäftsführer von BirdLife das Thema auf den Punkt.

21. Dez. 2012: Die traurige Bilanz der OrnithologInnen für das Machland-Süd: Der Brachvogel ist im wichtigsten Brutgebiete für Wiesenvögel in Niederösterreich ausgestorben. Das Zuwarten bis seltene Vogelarten aussterben, ist für die niederösterreichischen Naturschutzverantwortlichen offensichtlich ganz normal.

17. Okt. 2013: BirdLife sieht damit einhergehend auch die Brutplätze seltener Wiesenvögel, wie Brachvogel, Uferschnepfe oder Braunkehlchen bundesweit gefährdet.

19. März 2014: Bereits jetzt ist der Schwund von Feldlerche, Braunkehlchen und Co dramatisch: In Österreich war ein Rückgang von 31,7% alleine zwischen 1998 und 2011 zu verzeichnen. Europaweit ist die Zahl der Vogelarten in der Kulturlandschaft seit 1980 um 52% zurückgegangen, das sind um 300 Millionen Vögel weniger.

11. Sept. 2014: In Österreich verläuft dieses Artensterben deutlich schneller als im EU-Durchschnitt (EU: -1,7%/Jahr, Ö: -2,3%/Jahr). In manchen Regionen sind diese häufigeren Arten bereits völlig verschwunden, z. B. das Rebhuhn in ganz Vorarlberg. ... werden viele diese Arten 2020 dort stehen, wohin die Blauracke in der Südsteiermark oder der Ortolan in Tirol durch die industrielle Landwirtschaft in Kombination mit erfolglosem Naturschutz bereits gedrängt wurde: die letzten 3-5 Paare Österreichs sind trotz Schutzgebietsausweisung akut vom Aussterben bedroht.

5. Aug. 2015: Der aktuelle Aussterbeprozess heimischer Feldvögel könnte kaum dramatischer verlaufen: Die letzten Brutvorkommen der drei Feldvogelarten Blauracke, Raubwürger und Ortolan sind in der Brutsaison 2015 auf Einzelexemplare geschrumpft. Ihr völliges Aussterben steht unmittelbar bevor."Dieser Negativtrend muss sofort gestoppt werden, wenn wir nicht auch noch Vogelarten wie Rebhuhn, Kiebitz oder Feldlerche, die bisher unsere Kulturlandschaften wie selbstverständliche geprägt haben, verlieren wollen", warnt Hans Uhl, Agrar-Vogelexperte bei BirdLife Österreich.

22. Dez. 2015: In Österreich beschleunigt sich das dramatische Aussterben von Rebhuhn und Co. weiter.  Der seltene Ortolan ist dieses Jahr ausgestorben. Der bundesweite Farmland Bird Index zeigt einen Rückgang der häufigsten Feldvögel von minus 42% schon seit 1998 auf.

...sondern dass auch die bereits stark rückläufigen Arten wie Kiebitz, Wiedehopf, Braunkehlchen und Wiesenpieper an den Rand des Aussterbens gedrängt werden“

10. Aug. 2016: Das attraktiv gefärbte Braunkehlchen, ein ehemaliger Charaktervogel heimischer Wiesenlandschaften, erleidet die letzten Jahre dramatische Bestandseinbußen. "...nicht umgehend zumindest doppelt so viele spät gemähte Wiesen oder Wiesenbrachen wie derzeit zur Verfügung gestellt werden, ist in den nächsten Jahren mit dem völligen Aussterben dieses ehemals weit verbreiteten Wiesenvogels zu rechnen“, so BirdLife-Projektkoordinator Hans Uhl.

14. Juni 2018:  Im Bereich der offenen Agrarlandschaft kam es in den letzten Jahrzehnten zu immensen Rückgängen an Biodiversität: besonders Vögel und Tagfalter litten darunter, ein veritables Insektensterben nahm seinen Lauf.



Wahrscheinlich haben Sie noch nie eine Blauracke in der Natur gesichtet. Es sind vermutlich auch die letzten Fotos von Blauracken in der Steiermark, die Michael Tiefenbach und Dr. Peter Sackl mithilfe Wildkameras gemacht haben. Die beringten, adulten Vögel bringen Beutetiere zur Aufzucht der Jungvögel!

Die Fotos stammen aus dem Beginn der 2000er Jahre aber großteils aus dem Jahre 2014!

Die Blauracken, ein wunderschöner Vogel. Foto: Michael Tiefenbach

Das Interview mit Dr. Peter Sackl.


DMP: Ist Abholzung des alten Baumbestandes vorrangig für den Rückgang 1900 - 1955 verantwortlich?

Dr. Peter Sackl: Die Blauracke (BL) ist ein Höhlenbrüter. Aufgrund ihrer Größe benötigt sie relativ geräumige Baumhöhlen. Die Schlägerung alter, höhlenreicher Bäume – in der Südsteiermark einzelstehende Eichen, Weiden etc., von Eichengalerien, Feldgehölzen etc. – ist sicher ein Teil des Problems, aber sicher nicht der einzige. Er lässt sich durch die Anbringung von Nistkästen – wie auch in der Steiermark – am einfachsten beheben. Wie alle Höhlenbrüter nimmt die BL Nistkästen gerne an. Der Mangel an natürlichen Bruthöhlen kann dadurch relativ einfach kompensiert werden.


DMP: Auf blauracke.at liest man immer wieder von. "Der Schutz vor Fressfeinden war genauso wichtig, wie der Schutz der Nester und Wiesen vor einigen aggressiven Bauern." und: "Wichtiger jedoch wären die Überzeugungsarbeiten bei den Jägern und der ländlichen Bevölkerung in diesen Gebieten." Mit welchen Argumenten zerstören "aggressive Bauern" Gelege, töten Adulte?

Dr. Peter Sackl: Na ja – eine ziemlich unsinnige Vereinfachung! Schutz vor Fressfeinden – wir hatten anfangs Probleme, dass der Marder ein oder zwei Bruten in den Nistkästen zerstört hat. Eine Verkleinerung der Einflussöffnung hat dieses Problem umgehend gelöst. Ansonsten wissen wir von einem Vogel, der von einem Habicht geschlagen wurde (aber das sind natürliche Ausfälle, die eine gesunde Population verkraften muss). Ein ungleich größeres Problem, wenn wir von unmittelbaren Verlusten sprechen, war/ist da sicher der zunehmende Verkehr im BL-Gebiet, weil die Vögel durch Lebensraumzerstörung gezwungen sind in hohen Ausmaß entlang der Straßenränder zu jagen. Jedes Jahr hatten wir bis zu 3 oder 4 Verkehrsopfer, bei einer Gesamtpopulation von 30 -  40 Vögeln ein erheblicher Ausfall. Dazu kommt, dass am Zug von/nach Afrika viele Vögel im Mittelmeerraum, Nordafrika und Arabien geschossen oder in Netzen gefangen und getötet werden (das Internet ist voll von Beispielen).

Heimische Jäger: die Art wurde z.T. bis in die 60er/70er Jahre geschossen, als hübsches Präparat fürs Wohnzimmer – das ist aber seit damals sicher kein Problem mehr; auch die Bauern vernichten die BL nicht aus Böswilligkeit – in diesem Zusammenhang ist aber die Intensivierung der Landwirtschaft (besonders der Maisanbau) eines der Hauptprobleme; von aggressiven Bauern hab‘ ich aber nie etwas bemerkt!

DMP: Warum sind künstliche Ansitzstangen notwendig? Sind natürliche Gegebenheiten unpassend, beispielsweise ein Baum eines "Windgürtel" am Feldrand?

Dr. Peter Sackl:  Die BL ist ein sogenannter Wartenjäger, d.h. setzt sich auf höhere Büsche, einzelstehende Bäume, Felshecken oder auch Zaunstipfl, von wo aus sie die umliegenden Wiesen- und Ackerflächen gut überblickt und fängt von dort aus ihre Beute (meist größere Käfer, Heuschrecken, Regenwürmer) – ähnlich macht es ja auch der bekanntere Neuntöter oder auch der Turmfalke. Im Zuge von Grundzusammenlegungen, Kommasierungen etc. verschwinden diese Landschaftselemente fast vollständig und die neuentstanden, riesigen Ackerflächen sind dadurch für die BL nicht/kaum „bejagbar“. Da helfen diese künstlichen Ansitzstangen, wie sie ja auch zunehmend häufiger für Greifvögel (Turmfalke, Mäusebussard) aufgestellt werden.  


DMP: Insektizide - wie stark sind sie in Gebrauch und ist jedes gleich schädlich? Oder unterscheiden sich die Mittel, die für spezielle Kulturen eingesetzt werden (bspweise für Obstplantagen - Getreidefelder) in ihrer Wirkung/ Auswirkung auf spezielle Insekten/ Toxizität bzgl. Fressangebot für die Racken?

Dr. Peter Sackl: Das ist ein schwieriges und sehr umfangreiches Thema. Es gibt eine ganze Reihe von Pestiziden die für Insekten hoch toxisch sind. Besonders hervorgetan haben sich in den letzten Jahren die Neonicotenoide, die für das Bienensterben verantwortlich sind, aber natürlich auch alle anderen Insekten vernichten. Wir erleben mittlerweile in den Agragebieten Österreichs (und anderer Länder) ein noch nie dagewesenes Insektensterben, das aber schleichend bereits in den 60er/70er Jahren begonnen. Das betrifft natürlich alle insektenfressenden Vogelarten, wozu die BL zählt. Vor 20 – 30 Jahren waren es sensible Vogelarten, wie z.B. die BL oder Schwarzstirnwürger, die davon betroffen waren, heute betrifft das bereits an sich kommune Arten, wie z.B. Goldammer, Braunkehlchen, Schwarzkehlchen etc. Dazu kommt die Grünlandnutzung durch die „hübschen“ Siloballen, wodurch mit einem Schlag sämtliches Leben auf der Wiese vernichtet und versiegelt wird. Die steirischen Agrargebiete sind mittlerweile völlig „totes“ Land!


DMP: Dauerregen ist in letzter Konsequenz tödlich für die Nestlinge, weswegen? keine Jagd möglich, Unterkühlung der Nestlinge?

Dr. Peter Sackl: Ja, da kann es Probleme geben aus mehreren Gründen. (1) im Regen fliegen keine Insekten, bei Regen über mehrere Tage kann es dadurch zu Futterengpässen (besonders wenn Jungvögel im Nest zu versorgen sind) kommen. (2) in solchen Regenphasen weichen die Tiere auf Regenwürmer aus, die bei Regen an die Oberfläche kommen. Diese finden sie aber nur auf vegetationsfreien Äckern oder frischgemähten Wiesen. Ab Juni sind die Maisäcker fast mannshoch und wenn es keine frisch gemähten Wiesen gibt – gibt es keinen „Zugang“ zu den Regenwürmern oder Maulwurfgrillen. Die Folge: akuter Futtermangel, die Jungvögel verhungern.




“ ... weil die Vögel durch Lebensraumzerstörung gezwungen sind in hohen Ausmaß entlang der Straßenränder zu jagen.”

Wir erleben mittlerweile in den Agragebieten Österreichs ein noch nie dagewesenes Insektensterben.”

„Die Folge: akuter Futtermangel, die Jungvögel verhungern.”


Die Blauracke auf Jagd.

Foto: Foto: Michael Tiefenbach

DMP: Wie wirkt sich die Klimaänderung aus? Neben dem Futterangebot auch direkt auf die Blauracken?  Gibt es noch eine Rettung des Bestandes (2Bp?) in der Steiermark? Ist eine Neubesiedelung möglich und wenn ja mit welchem Aufwand? Gibt es/ gab es Brutpaare wo anders als in der Steiermark in Österreich?

Dr. Peter Sackl: Das sind mehrere Fragen: (1) Klimaänderung: BL sind wärmeliebend, besiedeln deshalb wärmebegünstigte Gebiet; das gilt auch für viele Insekten, d.h. das Insektenangebot sollte mit der Erwärmung eigentlich steigen (natürlich spielen da auch die Niederschlagsverhältnisse eine Rolle). Abgesehen vom oben gesagten zu „Insekten – Agrarwirtschaft“, sollte die Art von der Klimaerwärmung eigentlich profitieren. Sicheres wissen wir aber dazu vorläufig nicht. (2) Andere Gründe s. oben; (3) eine Rettung ist in der nunmehriger Situation sehr schwierig und mit erheblichen finanziellen Einsatz verbunden. Das wurde in der Stmk. gründlich vermasselt.

(4) die nächstgelegenen Brutvorkommen liegen in 200 – 300 km Entfernung in Ostungarn und Serbien. In der Stmk. sind seit 2010 alle Vögel individuell markiert, d.h. ein fremder Vogel aus einer benachbarten Population müsste sofort auffallen. Dafür hat es seit Beginn unserer Untersuchungen nie einen Hinweis gegeben. D.h. eine natürliche Wiederbesiedlung durch Immigration von Nachbarpopulationen ist praktisch auszuschließen. (5) Die BL hat ursprünglich in Österreich in den Tieflandgebieten in Kärnten, Steiermark, Burgenland und Niederösterreich gebrütet und war bis in die 1950er Jahren dort gar nicht so selten. Ab den 1950er und 1960er Jahren (Beginn des Maisanbaus) ist der Bestand sehr stark zurück gegangen bis ab den 1980er Jahren nur mehr das Vorkommen in der SO-Stmk. übriggeblieben ist.


DMP: Es wird so viel über die Genetik gesprochen, eine Durchmischung wäre notwendig. Welche Gene sind (wieviele hat eine Blauracke überhaupt?) mit welchen Auswirkungen  betroffen? Wie drückt sich das in der Fortpflanzung aus? Werden die Tiere steril? Oder verendet die Brut durch genetische Schäden der Lebensfähigkeit?

Dr. Peter Sackl: Welche Gene für welche Merkmale verantwortlich sind wissen wir nicht einmal beim Menschen so genau, schon gar nicht bei der BL. Was wir nach unserer Untersuchung kennen ist die genetische Variabilität unserer Population im Vergleich zu anderen Populationen. Diese Variabilität hat gleichzeitig mit dem Bestandsrückgang stark abgenommen und ist in der österr. Population nunmehr praktisch 0. Warum ist das wichtig zu wissen? In der Regel gilt je größer eine Population, desto größer die genetische Variation (Vielfalt). In kleinen Populationen nimmt die Variation ab und gleichzeitig nimmt aber der relative Anteil „schädlicher“ Gene, die meist rezessiv vererbt werden zu, da die Tiere untereinander stark verschwistert sind. Es häufen sich – stark vereinfacht – durch Inzucht Erbkrankheiten. Die Vögel haben keinen Bruterfolg mehr. Der Bestand bricht zusammen. Etwa hier stehen wir jetzt in der Stmk. Damit kennen wir die z.Z. maßgeblichen Faktor für den fehlenden Bruterfolg. Es macht also Sinn Vögel aus anderen Populationen in den steirischen Bestand einzubringen um die genet. Variabilität zu erhöhen (zumal eine natürliche Immigration wie oben geschildert nicht stattfindet).

 

DMP: Sind die Blauracken komplett standorttreu/ partnertreu? - sonst würde sich durch wechselnde Partner aus den Winterquartieren der genetische Pool ohnedies auffrischen. Die Vögel sind standorttreu (nicht partnertreu).

Dr. Peter Sackl: Die ökologische Strategie der sie folgen, könnte man stark vereinfacht so umschreiben: Dort wo ich großgeworden bin/im Vorjahr erfolgreich Junge großgezogen habe, gab es genug zum Fressen, schöne Bruthöhlen (Nistkäste) – wozu das Risiko eingehen was neu zu suchen und evtl. zu scheitern. Im Winterquartier kommt es zu Kontakten zwischen verschiedenen Populationen, aber im Frühjahr fliegen anscheinend die allermeisten dorthin zurück, wo sie herkommen.

Wie verpaart man Zug- Wildvögel aus verschiedenen Gegenden um ein besseren genetischen Poll zu bekommen? Das ist nicht notwendig. Die einfachste Möglichkeit wäre den Elterntieren Junge aus anderen Populationen unterzuschieben. Im Gegensatz zu Säugetieren, ist das kein Problem. Voraussetzung wäre aber, dass unsere Vögel wieder brüten.

DMP: Welchen Vogelarten droht in naher Zukunft ein ähnliches Schicksal? In der Steiermark?

Dr. Peter Sackl: Bei keiner anderen Art ist die Situation z.Z. so extrem problematisch. Aber mittelfristig werden wir, ohne ernstzunehmende Maßnahmen, viele weitere Arten, besonders Arten der Kulturlandschaft, verlieren. Besonders gefährdet nach meiner Einschätzung: Rebhuhn, Kiebitz, Braunkehlchen. Siehe auch die Rote Liste, die gerade solche Aussterbewahrscheinlichkeiten abschätzt.


DMP: Können Sie mir noch etwas über die Winterfütterung von Wildvögeln/ auch Singvögeln verraten?

Dr. Peter Sackl: Prinzipiell: In unserer zerstörten und lebensfeindlichen Umwelt wird die Fütterung von Vögeln immer wichtiger, sonst verlieren wir auch noch unsere häufigeren Singvögel. Viele Experten empfehlen sogar, das ganze Jahr über zu füttern. In den Agrargebieter der Stmk. halte ich das für durchaus notwendig. Auf entsprechende Hygiene sollte aber geachtet werden


DMP: Wurden in den letzten Jahrzehnten auch Fehler für den Schutz der Vögel gemacht - durch neuere Erkenntnisse?

Dr. Peter Sackl: Naja – der größte Fehler ist wohl, eine artenreiche und vielfältige Natur als Hindernis für „ein geordnetes Wirtschaftswachstum“ und als einen Luxus zu betrachten. Neben der grundsätzlichen Bildungsferne passieren Fehler genug. Der Fall BL ist ein Paradebeispiel.


DMP: Herzlichen Dank für das Gespräch.

In unserer zerstörten und lebensfeindlichen Umwelt wird die Fütterung von Vögeln immer wichtiger, …”