Das Wild in diesem Winter

Die Zeit der Not für das Wild hat längst begonnen. Gerade in unserem sehr wildreichen Gebiet des Mürztales spielt die Höhe des Schnees eine bedeutende Rolle für das Überleben des Hoch- und Niederwildes. Am Berg kann ein Hirsch 120 – 180 kg bekommen, ein Tier 80 - 100 kg. Da ist natürlich zur Aufrechterhaltung der wichtigsten Funktionen einiges an Futter notwendig. Die kritische Zeit im Jahr hat gerade erst begonnen, viele Regionen auch in der Steiermark haben die höchsten Niederschlagsmengen durchschnittlich erst im Februar. Deswegen gilt für das Hoch- wie für das Niederwild im Jänner und Februar: Energiesparen und Ruhen. Wir haben darüber mit dem Bezirksjägermeister Ing. Hannes Fraiss gesprochen.

Daneben möchte der Mürzpanther zum Schutz der Tiere nochmals eindringlich erinnern: Das wichtigste, was Wildtiere in der Winterzeit brauchen, ist Ruhe. Skitourengeher dringen in den eingeschränkten winterlichen Lebensraum der Tiere vor, die besonders sensibel auf Störungen reagieren. „Bei einer Flucht durch den Schnee brauchen die Tiere so viel Energie, dass sie vielfach sogar verenden können“, appelliert DI Felix Montecuccoli, Präsident der Land&Forst Betriebe Österreich, an Freizeitsportler.  


Deswegen - vereinfacht - jene Punkte zusammengefasst, die unbedingt zu vermeiden/ befolgen sind:

- Nur ausgewiesene Skirouten benutzen

- Tiere werden durch die Nähe der Menschen enorm gestresst

- Skitourengeher sollen unbedingt junge Baumkulturen meiden

- Bei Sichtungen von Wildtieren soll man sich unbedingt sofort zurückziehen


Um Ihnen zu demonstrieren, wie es dem Wild ergeht, hat Land&Forst Betriebe Österreich ein wirklich faszinierendes Video eines im tiefen Schnee versunkenen Rehs online gestellt. Sie können es unter dem Link: https://www.dropbox.com/sh/5ovjvin9kklzodv/AACryigVnYuMBPGlmiWH0XUra?dl=0  aufrufen.

Blick von Neuberg gegen den Falkenstein. Jänner 2019, nach dem großen Schneefall.

Als Wiederkäuer besitzen Rothirsche ein großes Pansenvolumen und sind bei der Nahrung nicht allzu wählerisch: Gräser und Kräuter sind die Hauptnahrungsquelle, die sie aber in solch einem Winter nur schwer finden. Deswegen gilt es, um das Überleben im Winter zu sichern, ihren Organismus mit einer Reihe von Maßnahmen an die harschen Winter anzupassen: die Verdauungsorgane des Rotwilds, der Pansen schrumpft im Winter erheblich. Es ist einerseits weniger Futterangebot da, andererseits brauchen dadurch die Organe selbst auch bedeutend weniger Energie. Daneben ist die Effizienz des Zucker- und Proteintransportes der Zellen des Pansen aus der Nahrung höher als in den Sommermonaten.

Im Gegensatz zum Rotwild braucht das Rehwild qualitativ hochwertige Äsung. Rehe bevorzugen eiweßreiche Kräuter und Pflanzen. Allerdings unterscheiden sich die Gewohnheiten bei den Rehfamilien und sie brauchen gerade im Winter Ruhe um Energie sparen zu können.

Zur Zeit ist es dem Wild durch die hohe Schneedecke nicht möglich, genug Nahrung zu finden. Die Tiere können auch kaum ausweichen, da die Rückzugsgebiete "Kulturlandschaft" weichen mußte.


DMP: Der Wiener Tierschutzverein berichtet in einer PA vom 15. 1. 2019: "Umso skandalöser ist es, diverse Landes- und Bezirksbehörden Fütterungsverbote für Wild erlassen. Dem Wiener Tierschutzverein (WTV) wurde vermehrt von der ersatzlosen Auflösung von Winterfütterungen für Rotwild in ganz Österreich berichtet. Auch mehrere VertreterInnnen der Jägerschaft berichten empört, dass dies behördenseitig angeordnet wurde". Trifft das auch auf die Steiermark zu oder auf Gebiete der Steiermark, wenn ja, wie begründet sich das?

Hannes Fraiss: Dazu ist zunächst zu bemerken, dass unser Wild auf solche auch wirklich harte und schneereiche Winter angepasst ist. Fütterungsverbote werden grundsätzlich nicht ausgesprochen, allerdings sind die Fütterungen Entscheidungen, die die Grundbesitzer treffen. Viele Großgrundbesitzer wollen sich die Fütterungen aber auch aufgrund der Kosten nicht entscheiden.


DMP: Im § 50 (regelt die Wildtierfütterung) des Jagdgesetzes gibt es keinen Punkt, in dem auf die Notwendigkeit beispielsweise von Kälteperioden, extremer Schneefall, etc.  des Wildes eingegangen wird. Gibt es in solch "Extremwintern" Ausnahmeregelungen, die die Fütterung "ausnahmsweise" sicherstellen? Laut dem §50 dauert wahrscheinlich das Umsetzen einer neuen Fütterung länger als der Winter!

Hannes Fraiss: Es gibt im Bezirk Mürzzuschlag heute 6 Rotwildfütterungen, vor dreißig Jahren, als ich angefangen habe, waren es noch 30 Fütterungen. Es gibt auch eine Notzeitfütterungsverordnung, die jedenfalls zwischen Grundbesitzer und der Bezirksverwaltungsbehörde entschieden werden muss. In Mürzzuschlag wurde in diesem Winter eine Verordnung beantragt, die allerdings noch nicht entschieden ist. Die Fütterungen werden in erster Linie auch zur Vermeidung von Waldschäden getätigt, um den Fraß an Rinde und Trieben an Bäumen durch Rotwild zu vermeiden.  


DMP: Ist nur die gewaltige Schneemenge heuer ausschlaggebend, oder gibt es auch andere Faktoren, die das Überleben für das Wild erschwert?

Hannes Fraiss: Nein. Der Hintergrund dazu ist: Wenn Wild zentriert ist kann es Schaden nehmen, weil der Aktionsradius zu gering ist. Im Sommer hat es ein riesiges Gebiet, im Winter gerade wenn so viel Schnee liegt allerdings ein sehr eingeschränktes um die Fütterungsstellen.

Das Hauptproblem heuer ist, dass der Schneefall bereits so früh eingesetzt hat, etwa in der Mitte Dezember. Die vergangenen Jahre haben erst Anfang bis Mitte Februar viel Schnee gebracht. Dadurch verlängert sich die Auszährungsphase heuer ungemein seit Beginn des Schneefalls bis hinein in den Frühling. Es wird auch von den Sonnentagen abhängen und natürlich auf den Bestand eine Auswirkung haben. Daneben müssen Steinwild- und Gamswild über Lawinengänge, die den Bestand schmälern. All diese Faktoren können den Bestand auf bis zu 50% dezimieren und wir befürchten heuer im März Schlimmes.


“Grundsätzlich ist zu bemerken, dass unser Wild an harte und schneereiche Winter angepasst ist.”


All diese Faktoren können den Bestand auf bis zu 50% dezimieren und wir befürchten heuer im März Schlimmes.

In der Gegend Neuberg schauen gerade noch die Spitzen von Sträuchern aus der Schneedecke hervor. Gras ist schon lange nicht mehr zu sehen. Für Fütterung sorgen die Jäger. Foto links: Landesjagdverband Oberösterreich.

DMP: Wieviel Futter braucht das Wild in so einem Winter - täglich? Und wie kommt es daran?

Hannes Fraiss: Die Mühen der Jäger sind es, die Fütterungen zu versorgen. Gamswildfütterungen sind ohnedies verboten, Rehwildfütterungen gibt es ca. 150 und Rotwildfütterungen gibt es 6 im Bezirk Mürzzuschlag. Ein Rotwild braucht am Tag 5 - 7 kg Futter, das ist verglichen mit dem Sommer, in dem sie ca. 20 kg täglich zu sich nehmen noch sehr wenig. Sie werden mit Trockenheu und Silage gefüttert.

Das Entscheidende für das Überleben beim Rotwild ist, dass sie die Körperfunktionen stark zurückschrauben können, teilweise stehen sie einen Tag und bewegen sich kaum. Die Funktion der Organe wird drastisch vermindert, bis zu Verkleinerung des Verdauungstraktes. Die Reduktion ermöglicht dem Stein- Rot- und Rehwild das Überleben seit jeher in unseren Breitrengraden. Grundsätzlich ist das Wild durch diese Möglichkeiten natürlich an unsere Gebiete angepaßt!


DMP: Wie störend für den Zustand der Tiere sind gerade am Falkenstein/ Schneealpe die Tourengeher, die äußerst zahlreich in der nächsten Zeit aus Wien - Graz kommen werden?

Hannes Fraiss: Dabei ist eine Aussage unumstößlich: Freizeitnutzer sind nicht alleine! Es geht auch ein Nebeneinander, wenn sich die Menschen an Regeln halten. Zum Beispiel, die Touren, die auch in Karten verzeichnet sind, nicht zu verlassen, denn: Wildtiere können sich auf Beunruhigungen einstellen, wenn es immer die selben Plätze sind. Rehwild reagiert als "Drückertypus", das heißt, es versteckt sich, während Rotwild und die Gams Fluchttiere sind. Diese brauchen dann für die Flucht derart viel Energie, dass sie wegen des Kalorienverbrauches nicht sofort verenden, sondern auch bis zu einer Woche später! Ganz grundsätzlich gilt aber: In der Natur wird auch gestorben!

Die Gradgams, im Gegensatz zu Populationen, die in den Wäldern leben, hat ein anderes Verhalten: Sie kommt in solchen Wintern sehr weit zur Äsung herunter, hat aber, wenn es so lange und intensiv schneit das Problem wieder zurückzugelangen. Dabei sind vor allem die Verwehungen für den Aufstieg auf Schneealm, Veitsch oder Rax hinderlich.


DMP: Herr Bezirksjägermeister Fraiss, danke für das Interview!



“Freizeitnutzer sind nicht alleine! Es geht auch ein Nebeneinander, wenn sich die Menschen an Regeln halten.”