Der Kulturpanther präsentiert: Faszination Japan im Kunstforum

Walter Crane, englischer Präraffaelit und im 19. Jahrhundert profunder Japankenner schrieb: "... unzweifelhaft einen ungeheuren Einfluss auf die europäische Kunst gehabt. Japan ist, oder war, was Kunst und Handwerk mit Ausnahme der Architektur anbelangt, ... , mit wunderbar geschulten Künstlern und Handwerkern für jede Art von dekorativer Arbeit, welche unter dem Einfluss eines kühnen und zwanglosen Naturalismus standen." Japans künstlerischer Einfluss entsteht durch die Präsenz auf den Weltausstellungen, beginnend im Jahre 1862 in London. Nicht mit Bestimmtheit ist festzustellen, ob der Erwerb eines Manga Bandes (Skizzenbuch, japanisches Blockbuch) von Hokusai 1857 durch Félix Braquemond entscheidend für den in Europa beginnenden Japonismus war.

Katsushika Hokusai: 1760 - 1849; er verwendete eine große Zahl an unterschiedlichen Namen. Hokusai beginnt bereits im sechzehnten Lebensjahr zu malen und tritt 1772 bei einem Holzschneider in die Lehre. Fünf Jahre darauf beginnt er bei dem Ukiyo- e Meister Shunsho zu lernen und drei Jahre später erscheint sein erstes illustriertes Buch. Ukiyo- e oder  浮世絵   bedeutet annähernd „Bilder der fließenden Welt“, ist ein Genre der japanischen Druckgrafik, das sich das Lebensgefühl des städtischen Bürgertums Japans zum Inhalt macht.


Kitagawa Utamaro Elegante Personen im Stil Utamaros, um 1801 Farbholzschnitt, 35 x 23 cm Privatbesitz, Wien

Anleihen nahmen nicht nur die frühen Sezessionisten wie Josef Hoffmann oder Kolo Moser, auch werden in der Ausstellung frühe Holzschnitte der Künstler des Blauer Reiter gezeigt, sowie eine Auseinadersetzung mit Geistern und Fabelwesen. Um die Jahrhundertwende hatte die japanische Kunst in Japan selbst längst den Zenit überschritten, konnte jedoch durch die Begeisterung im Westen neue Wurzeln schlagen, beginnend mit den französischen Impressionisten. Ein großartiger Erfolg war beispielsweise eine Ausstellung in der École des beaux arts, die insgesamt 763 Holzschnitte zusammenfasste. Natürlich dauerte es nicht lange, bis auch der Markt dahinterkam und letztlich setzte ein reger Handel ein. Tuschezeichnungen, Kalligrafien und Holzschnitte gehörten zu den beliebtesten Objekten.

Deren gestalterische Mittel - diagonale Bildkomposition oder perspektivische Weite, Raum- und Flächendarstellung, Licht - und Schattenbehandlung sowie die steilen und hohen Formate prägen entscheidend nicht nur die Plakatkunst in Europa um 1900. Aber gerade in der Plakatkunst wird der Japonismus so deutlich, wie kaum in einem anderen Genre auch insofern, als er weit in die Zwanziger Jahre hineinführt. So erkennt man Anleihen in den USA bis in das Jahr 1928 von Haper`s Bazar. Die Inspiration ging von den vielen neuartigen Bildthemen genauso aus, wie die Wahl der Technik und der künstlerischen Mittel.

Ich möchte beginnen mit dem, was in Europa als Sinnbild Japans galt und immer noch Gültigkeit hat: dem Kimono. Er unterstreicht Haltung und Gebärde sowohl des Schauspielers  im japanischen Theater - dem Kabuki - als auch der Dame der Gesellschaft. Hokusai, aber auch Emil Orlik haben viele der Frauen im Okaidori - dem Prunkkimono - dargestellt. Dazu ist zu bemerken, dass immer mehrere Kimonos übereinander getragen wurden. Das führte zu der Haltung, die im "schreitenden Stehen" als Hauptmotiv der Standfigur im japanischen Holzschnitt Verwendung findet. Claude Monet bewunderte diese Bewegung und vollzog sie in "La Japonaise" (1867, seine Frau in prächtigem, japanischen Gewand) nach. Auch Gustav Klimt lehnte sich an diese Körperhaltung und den Ausdruck der Körperbehandlung an, zahlreiche Zeichnungen von Frauen in kimonoartigen Gewändern zeugen davon. Er selbst trug in seinem Atelier auch ein ähnliches Habit. In Paris wird der Kimono Teil der Mode, die Damenwelt nimmt aber auch Anleihen mit der damit verbunden Haltung und der Bewegung!

Diese besonders schöne Ansichtskarte aus Privatbesitz zeigt die Faszination, die Japan auf Europa noch bis lange in die zwanziger Jahre ausgeübt hat. Diese Karte wurde am 11. November 1923 mit Weihnachtswünschen von Kobe nach Österreich abgeschickt.

Samuel Bing: "Diese Kunst ist auf Dauer mit der unseren verbunden. Es ist gleicht einem Blutstropfen, der unserem Blut beigemengt ist und der von keiner Macht dieser Welt mehr beseitigt werden kann. "

Links: Alfred Stevens Die japanische Pariserin, 1872 Öl auf Leinwand, 150 x 105 cm Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich © Musée des Beaux-Arts de La Boverie, Lüttich


Rechts: Auch heute beeinflußt Japan in seiner Kunstanschauung nicht nur die Gestaltung von Textilien; Venedig, zeitgenössisch.

Und doch möchte ich in dieser Ausstellung, die nicht weniger als 61 + 3 Künstler präsentiert, das Gemälde von Georg Hendrik Breitner hervorheben. Nicht unbedingt die Darstellung der Frau im Kimono, sondern das Farbspiel der darüber befindlichen Blätter durch das Fenster. Dieser Ausschnitt erhält in der Komposition nur relativ wenig Raum, bestimmt aber durch die Wiederholung der Farbgebung und die Verstärkung der Linienführung beispielgebend die Elemente der japanischen Kunstform. Die ausgesucht farbigen Seiden der Kimonos, die Künstler gleichermaßen als auch die Damen begeisterten, zeigten oft asymmetrische Musterung.

In der Darstellung versuchten die Künstler auch dem Glanz der Textilie nahe zu kommen. Breitner hat das Thema des Kimono wiederholt aufgenommen, es existieren teilweise von ein und demselben Sujet mehrere Fassungen. Breitner, der sich selbst "Le peintre du peuple - der Volksmaler“ nannte, ließ sich im Jahre 1884 von der Japanbegeisterung in Paris anstecken. Fasziniert von den Flügelärmeln des Kimono sowie von dem bauschigen Rock mit der "fleckig" aufgetragenen Musterung wirkte die Begeisterung fast ein Viertel Jahrhundert nach. Der Einfluß zeigt sich neben oben erwähnten Gestaltungsformen auch in einer neuen Flächenbehandlung der Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Kasushika Hokusai 36 Ansichten des Berges Fuji: Unter der Welle bei Kanagawa, um 1830 Farbholzschnitt, 25,3 x 37,5 cm MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst, Wien © MAK/Georg Mayer.

Ary Renan:  „Du, den wir Hokusai nennen, ehrwürdiger Künstler Japans, des Landes, das wir kennen und lieben lernen wollen, lüfte uns den Schleier deines Geheimnisses! Wie bewahrst du dir ewige Jugend, während wir alt werden vor der Zeit.“

Auf Druck der Amerikaner hatte Japan nach einer jahrhundertelangen selbstgewählten Isolation 1854 seine Häfen für den Handel mit dem Westen wieder geöffnet, innere Reformer drängten zudem nach einer Präsentation des „neuen“ Japan im Westen, wofür die Weltausstellungen 1867 und 1878 in Paris und 1873 in Wien als Plattform wahrgenommen wurden.  Nun eroberten die elegant-exotischen Alltagsgegenstände, die exquisiten Textilien und vor allem die phantasievollen Ukiyo-e, die Farbholzschnitte mit ihrer neuartigen Ästhetik, Europa. Ungewöhnliche kompositorische und inhaltliche Neuigkeiten finden Umsetzung in der abendländische Kunst durch die Wiederentdeckung der leuchtenden Lokalfarben und der scharfsinnig-geistreichen Beobachtung von Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt.

Vincent van Gogh beispielsweise hatte zur Blumendarstellung immer einen unmittelbaren Kontakt. Mit dem Ende der 80er Jahre beginnt mit dem Hype in Europa auch die japanische Pflanzen- und Tierdarstellung entscheidende Bedeutung zu erlangen. Beeindruckend für die europäischen Künstler war die Vielfalt der von allen Seiten und Stellungen erfassten Tiere und Pflanzen. Und wieder sorgten gerade die Weltausstellungen in Europa für eine flächendeckende Ausbreitung der in botanischer Genauigkeit überzeugenden Darstellungen von Päonien, oder auch die auffallende Eindringlichkeit von Insekten. Darüber hinaus gesellt sich zur zur künstlerisch reich variierten Pflanzendarstellung auch immer eine noch tiefere Bedeutung. Der Lotus als Zeichen des Sommers, der Prunus für den Winter. Aber nicht nur die Jahreszeiten haben ihre Symbolik, auch die einzelnen Monate: Der Mai die Magnolie. Auch die Schwertlilie, Iris oder die Orchidee gehören zum festen Bestand der Darstellung und Ornamentik. Dafür gab es für spezielle Blumensorten Spezialmaler, die großes Ansehen erwarben. Im Mittelpunkt der Pflanzen allerdings steht der Baum, zu den ältesten Archetypen der Menscheit gehörend, und von den japanischen Malern als Zentrum der künstlerischen Äusserung gesehen.


Vincent van Gogh: Schmetterlinge und Mohnblumen, 1889 Öl auf Leinwand, 35 x 25,5 cm Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)

Wir wollen uns aber beispielhaft (auch weil es den Fotocredit dafür gibt, siehe darüber) einem Lebewesen zuwenden, das als glückverkündendes Zeichen für die Menschen Ostasiens gegolten hat. Der Schmetterling. Die Japaner sehen in dem flatternden Falter die Verkörperung der Seele eines Verstorbenen, deren Gegenwart als glückbringend und beschützend gewertet wird. Eine Legende berichtet von einem Greis, der seine Zeit damit verbringt, am Grabe seiner verstorbenen Geliebten zu wachen, bis er schließlich selbst durch einen großen, weißen Schmetterling zu den Toten geführt wird. Ebenso ist der Schmettterling Sinnbild des Traumes wie des heiteren Lebens.

"In der weißen Glasur schimmerte ein zartes rot. Es verlangte Kikuji, die kühle und doch warm glänzende Oberfläche zu berühren. “Wie ein weicher, holder Traum ... ist dieser Krug. Ich liebe gutes Shino.” Wie ein weicher, holder Traum von einer sanften Frau, hätter er beinahe gesagt." (Aus: Yasunari Kawabata, Tausend Kraniche, dtv, München, Juni 1989)

In türkisem Wasser schimmert zartes rosa.

Claude Monet Waterloo Bridge, 1902 Öl auf Leinwand, 65 x 100 cm Kunsthaus Zürich, Geschenk Walter Haefner, 1995

Die Ausstellung im Kunstforum in Wien beleuchtet meiner Ansicht nach zuviele Aspekte, gibt gerade deswegen einen Überblick und versäumt damit in die Tiefe zu gehen. Es wäre - neben den faszinierenden Einzelobjekten, die absolut sehenswert und von allerster künstlerischer Güte sind - begrüßenswert, das eine oder andere Thema stärker zu beleuchten. Von japanischer als auch europäischer Sicht. So ist es eine Schau, die leider nicht hängen bleiben wird.