Der Kulturpanther präsentiert

In der Fülle der Zeit oder die falsch verstandene Opulenz.

Auch Andrea Witzmann, österreichische Fotografin, bereichert die zur Zeit stattfindende Ausstellung im Kunst Haus Wien mit ihren Werken. Eines ihrer Bilder ist zum Aushängeschild geworden, weil es auf den Plakaten die ganze Stadt ziert. Und es wirkt. Dabei ist das Betrachten von Stillleben durch die reiche Symbolsprache nicht immer leicht. Geleitet wir man durch die Ausstellung mit erklärenden Worten, die nur selten das Begreifen erleichtern: „Beim Betrachten von Stilleben gelingt es uns oftmals nicht, genau zu benennen, was wir sehen, obwohl alles, was zu sehen ist, detailgetreu wiedergegeben ist. Das hat zum einen damit zu tun, die Dinge nur als Dinge zeigen zu wollen. Zum anderen damit, dass diese Dinge oftmals genauso sinnbildlich für die Gegenwart stehen, wie sie uns fremd sind.“

Wir wollten den Dingen auf den Grund gehen und haben ein Interview mit der Künstlerin geführt. Chaotisch, wie es erwartet wird. Davor vertiefen Sie sich in den noch jungen Text von Andrea Witzmann zu ihren Arbeiten „Volle Stunden an Verhangenen Tagen“.

Andrea Witzmann.

Dieses Foto hat Steiermarkbezug, weil es dort entstanden ist.


andrea witzmann

Die Dinge fügen sich dem Gefallen. Mir fällt es zu, sie zu stoßen damit sie fallen. Mit Bedacht den Abzug ziehen um das Bild aus dem Lauf der Zeit zu lösen. Funktion und Materialität der Dinge befinden sich in sichtbarem Widerspruch zur Ordnung und Aufgabe ihres Entstehungsgrundes. Die Anordnung im leeren Raum lässt das Auge Verwandtschaft und Sinn in anderer Weise als in der Eignung der Dinge suchen. In Farbe, Reife und Wert schätzen wir den Schatz. Aus dem ursprünglichen Zusammenhang entfernt wird der Gegenstand Teil einer abgebildeten Wunderkammer, einzig und allein dazu da, den Sinnen aus der Ferne ungreifbaren Genuss zu stiften. Auf dem Tablett am Bett, lautlos an meiner Seite während ich schlafe. Der Tisch als Bühne, das zerknüllte Tischtuch Verweis auf das Bettlaken, der Weinkrug... Fenster auf das Selbstverständnis des Augenblicks. Gegenwärtige Überlegungen zur historischen Stilllebenmalerei: die Aussage der Bedeutung der abgebildeten Dinge hat sich heute möglicherweise ins Gegenteil verkehrt. Der Wandel der Symbolik im Laufe der Zeit wurde nicht transkribiert. War ein Insekt Zeichen unserer raschen Vergänglichkeit ist es heute ein Snack. Ende der wurlenden Würmer im verwesenden Fleisch. Immer wieder die Studie als Selbstvergewisserung, der Blick in den Spiegel. Wie wird meine Wahrnehmung rezipiert wenn ich sie abbilde? Selbstversicherung über die Meinung Anderer. Konzentrat des eigenwilligen Agierens lebloser Dinge miteinander. Ich öffne die visuelle Konserve, ein Geräusch oder Geruch der digitalen Frucht entsteht, ein steriles Hybrid der eigenen Erlebnisse, das abgerufen werden kann.

Das Interview ist ein Aufzug in zwei Akten.

Erster Akt, künstliches Licht, Menschen stehen herum und unterhalten sich. In verschieden großen Gruppen: Künstler, Experten, eine Direktorin und Besucher; daneben der Journalist des Mürzpanther -in Folge dMP genannt. Im Hintergrund läuft noch der Film, der eingangs des Expertengespräches zu sehen war. Er lärmt und der Journalist - dMP - wartet. Auf seine Gesprächspartnerin, die noch mit der Direktorin parliert.

Schön langsam beginnt sich die Gesellschaft aufzulösen, es gehen ab: die Experten, manch Künstler und einige Besucher. Andere bleiben und betrachten die Ausstellungsexponate. dMP fragt bei Andrea Witzmann, die die Ausstellung durch ihre Werke bereichert, ob er mit ihr nun sprechen kann. Sie bejaht und beide setzen sich gleich in der Nähe des Podiums.

dMP: Beim Expertengespräch wurde erwähnt, dass die Fotografen die hier auch gezeigt werden, international in der ersten Liga spielen. Siehst Du das auch so?

Andrea Witzmann: Ja, das kann man so sagen.

dMP: Du hast zuerst Architektur studiert und bist erst später auf die Akademie gegangen. Wann ist das Interesse an der Fotografie erwacht?

Andrea: Nicht nur die Fotografie hat mich schon lange vor dem Studium interessiert, sondern auch die Arbeit in meiner Dunkelkammer.

Im Hintergrund läuft der Film, der uns durch seine Lautstärke verscheucht und wir beschließen, in das obere Stockwerk über eine Stiege zu gehen. Wir treffen auf der Stiege wieder auf die Besucherin, in Begleitung, die bereits vorher - siehe dort - am Gespräch teilgenommen hat. Sie kommt anscheinend gerade vom Betrachten der Fotografien von Andrea. Ich verabschiede mich eben noch von Leo Kandl mit dem Versprechen, mich wieder zu melden. Ich bleibe vier Stufen unter dem Absatz stehen und verharre zu der Besucherin, ihrer Begleitung und leicht auch noch zu Andrea im Gegenlicht.

Besucherin: Ich habe mir die Bilder noch genauer angeschaut,

- ziert sich in Stimme und Körperhaltung ein wenig -

die Grapefruit ist schon arg - weil eigentlich, ich finde, dass hat schon etwas sehr Erotisches.

Andrea: Ich glaube, dass das vielen sehr gefällt ...

Die Begleitung der Besucherin: Wurde es ein bisschen arrangiert?

Andrea, Besucherin unisono: Nein!


Andrea Witzmann. In der Fülle der Zeit, 2014. Das ist die Arbeit, um die sich alles dreht.

Andrea: Ich habe ein Stipendium in New York gehabt und ein geniales Atelier im dreißigsten Stock, - sie erntet dafür einen Ausdruck der Bewunderung aller - und ich habe ein paar Leute eingeladen und das war es, was auf der Bar am nächsten Morgen übergeblieben ist.

Besucherin: Das Licht! voller Begeisterung wiederholend: Das Licht! Das ist wunderschön!

Andrea: Das Sonnenlicht ist das schönste Licht!

Besucherin: Es ist nicht nur das Sonnenlicht, es ist die Komposition im Licht! Ich finde es so interessant, es ist besonders und ich denke mir: Toll, das hat so funktioniert! Aber das Gestaltete hat für mich auch so funktioniert. (Anm.: das Bild mit Fahrradreifen und Oktopus)

Andrea: Das war für mich auch die Herausforderung, das Bild mit dem Kaktus -zeigt auf das großformatige Bild, von dem wir ca. 10 Meter entfernt stehen - von dem es gut zwanzig oder dreißig Aufnahmen gibt, ist auch nicht inszeniert.

Laufend gehen stehenden Fußes Leute die Stiege hinauf, die Stiege hinunter.

Die Begleitung der Besucherin: Und die Tapes um das Bild ... Sie lenken ein bisschen die Aufmerksamkeit vom Bild weg.

Andrea: Mir ist es darum gegangen, dass der Moment und das Skizzenhafte verstärkt wird. Vor allem soll nicht die Schwere des Rahmens wirken.

Die Begleitung der Besucherin: Es wird gebrochen.

Andrea: Man spielt sich auch einmal gerne, wenn man die ganze Zeit fotografiert, mit der Vorstellung, wie man es präsentiert und zeigt.

Die Begleitung der Besucherin: Dann wird das zu einem Teil des Bildes.

dMP fällt auf, dass die Besucherin mit der Meinung nicht ganz glücklich ist, es zeichnet sich Unsicherheit in Form eines Fältchens auf der Stirn.

Besucherin: Ich weiß nicht.


Ausstellungsansicht „Stillleben. Eigensinn der Dinge“ Kunst Haus Wien 2018, Foto Eva Kelety

Die Begleitung der Besucherin: Man sollte es auch so abbilden, im Katalog meine ich.

dMP: Es ist ja Teil des Bildes.

Andrea: Im Katalog sind alle Bilder ohne Rahmen und hier stellt sich die Frage, ist das Teil des Rahmens oder gehört es zum Bild.

dMP: Das muß die Künstlerin beantworten!

Wir müssen alle lachen und freuen uns, dass es nicht beantwortet wird! In der Nähe in Richtung des Bildes mit dem Kaktus, der - wie wir erfahren  - nach der Fotoserie aufgrund der Größe umgefallen ist, steht ein Tisch. Wir gehen auf ihn zu und Andrea, die Begleitung der Besucherin und die Besucherin fangen an, in den dort aufliegenden Büchern zu blättern. dMP steht daneben und hält das Aufnahmegerät.

Andrea: Die Präsentation liegt dann in den Händen des Grafikers.

Besucherin: Das Plakat ist so erfreulich - unabhängig wie die Grapefruit ausschaut. Dieser Blick in ...

Andrea:  Das ist keine Grapefruit, sondern diese etwas größeren Pomelos.

Besucherin: Mir gefällt auch das weiße Plastik dazu so gut! Die Gabel. Und es ist in New York entstanden.

Andrea: Der Ort ist eher unwichtig. Darum gebe ich Titel, die von dem Ort wegführen und um es besser lesen zu können. Oben in dem Atelier mit den vielen Panoramafenstern war es wie eine Blase der Sicherheit. Und ein Luxus.

Besucherin: Den Luxus spürt man.

Es gehen ab: Besucherin und die Begleitung der Besucherin. Die Stiegen hinunter, wir setzen den Weg in Richtung Bilder von Andrea fort. Gemächlich, aber zielorientiert.

dMP: Sind Stillleben ein großer Bestandteil Deines fotografischen Werkes geworden?

Andrea: Eines stimmt auf alle Fälle, dass ich die Objekte unterwegs nicht inszeniere oder arrangiere, sondern suche, finde und fotografiere. Es sind fast nie Menschen auf meinen Fotos zu sehen. Die Dinge, die ich zeige stehen immer in Bezug zu meinem Leben.

dMP: Aber nur weil keine Menschen darauf zu sehen sind, ist es ja nicht gleich ein Stillleben. Es ist Genrefotografie.

Andrea: Für mich geht es im Stillleben um diese Abwendung und es hat den Moment der Gleichzeitigkeit von Geburt, Blüte und Tod. Ich habe diese drei Phasen drinnen, was im Foto gar nicht umsetzbar ist.

dMP: Auch weil die Symbolik der Gegenstände verloren gegangen ist? Oder ist der moderne Zugang anders geworden.

Andrea: Beim Inszenieren der Stillleben, habe ich mir die Frage gestellt, was bildet das Jahr 2018 ab. Ich könnte beginnen ein Iphone abzubilden, ...

dMP reagiert plötzlich und heftig auf diese Meldung und macht eine schnelle, wegwerfende Handbewegung mit jener, die nicht das Aufnahmegerät hält.

Andrea:  ... und das ist ein no go! Weil ich keine Produkte abbilden möchte! Es ist eine extrem - muss lachen - eine extrem schwierige Herausforderung! Ein Spikereifen, obwohl er von mir selber gebaut ist, ist vielleicht, ich weiß nicht ...


Andrea Witzmann, Steiermark.

dMP: Zumindest nicht typisch für die Zeit.

Wir können beide über den Inhalt lachen. Natürlich muss dMP gedanklich das Handwerkliche bewundern, diesmal nicht das der Fotografien sondern gedanklich den Reifen vorbeiziehen lassen.

dMP:  Vielleicht typisch für Europa? Früher hat man ein niederländische Stillleben klar unterscheiden können. Wie siehst Du die Internationalisierung  der Kunst? Braucht es das, sagen zu können, es wäre österreichisch? Oder möchte man das Charakteristikum einer Gegend?

dMP hört sich selbst ganz gerne zu, auch weil der Gedanke nachgeschärft werden muss. Manchmal. Aber dMP arbeitet daran. Nicht in diesem Moment, nicht vor den Werken.

Andrea: Ich habe 2014 in Klagenfurt ein Stipendium gehabt und es war sehr schön, dort zu fotografieren, aber es war auch sehr schwer.

Auch das macht dMP noch immer sehr gerne: Den Gesprächspartnern in das Wort zu fallen, auch daran wird gearbeitet.

dMP: Weil?

Andrea: Wenn ich ein halbes Jahr in einem ganz anderen Kulturkreis verbringe und nach Wien zurückkomme, dann habe ich für relativ kurze Zeit die Chance, Wien mit "fremden" Augen zu sehen. Das geht aber ganz schnell vorbei.

dMP: Was ist besser? Ich bin ja extra aus Wien weggezogen.

Andrea: Für mich ist Wien ruhig. Ich bin nicht geschreckt.

dMP: Ruhig ist es.

Andrea: Ich habe auch die Möglichkeit dadurch, Wien neu zu sehen. Das ist recht schön, aber man muß schnell sein beim Fotografieren. Das gleiche passiert auch am Land. Es ist Kindheit und auch zu Hause.

dMP: Gefallen Dir Deine eigenen Bilder, im Zusammenhang?

Andrea blickt etwas ungläubig über so eine Frage. Die etwas verlachte Antwort, die sie in Kürze geben wird, zeugt von Sicherheit. Dadurch kommt sich dMP etwas blöd vor, die Frage an Andrea gerichtet zu haben und wird versuchen, sie im Anschluß noch zu retten.


Dieses Bild von Andrea Witzmann ist ebenfalls in der Steiermark entstanden.

Andrea: Natürlich gefallen mir meine Bilder! Wenn ich ein Motiv fünf Mal fotografiert habe, nehme ich schon das Schönste.

Lacht abermals.Und jetzt kommt der Rettungsversuch.

dMP: Schön meine ich im Sinne von ästhetisch! Also - stottert etwas herum - man kann auch Grausliches schön finden, das dann aber nicht ästhetisch ist.

Andrea: Wer definiert das?

dMP: Ich werde jetzt sicher nicht sagen, jeder für sich!

Andrea: Ich für meine Bilder schon! Dass es aber Parameter gäbe, was als klassisch schön anzusehen ist ... Letztlich ist es mein Beruf und ich versuche das Rad weiterzubewegen. Was schön ist, gilt es auszuprobieren. Das wird von anderen nicht sofort gesehen. Wenn man Bilder länger hängen hat, funktionieren sie. Natürlich nicht alle.

dMP: Ist die Gestaltung auf einer Holzplatte charakteristisch für Dich?

Andrea: Ich werde immer Raum und Dinge im Raum fotografieren. Die Räume auch kleiner zu machen, werde ich auch immer wieder.

dMP: verbindet Dich etwas mit der Steiermark, etwas Fotografisches?

Es erscheint zur Verabschiedung nun die Frau Direktor, ein Sicherheitsmann hält statisch Abstand und man erkennt in seinem Ausdruck leichte Ungeduld. Wir sind bereits die letzten, die noch Bilder betrachten, der Raum hat sich geleert und verlangt nach seiner vollen Größe. Im Raum spiegelt sich die Ungeduld des Sicherheitsmannes. Die Blicke des Raumes, die auf uns lasten, wiegen schwer. Es fängt auch ein hochfrequenter Ton an zu pfeifen, der sich mit dem Ohrgeräusch des dMP vereinigt. Es zeichnet sich ein grelles Tonende ab. Wir gehen ab. Die Beantwortung der Frage zeichnet den Beginn des zweiten Aufzuges:  Ein Besuch des Ateliers der Künstlerin, wo dMP die Freude hat, auch Werke, die in der Steiermark entstanden sind zu sehen.  Andrea und dMP ab. Alle ab.