der muerzpanther
EIN LÜFTCHEN ÜBER DAS THEMA WIND: 2 BFT Beinahe    für    alles    gibt    es    wissenschaftliche    Definitionen.    Die    für    Wind    liefert    die Meteorologie:   Als   Wind   wird   eine   gerichtete,   stärkere   Luftbewegung   in   der   Erdatmosphäre bezeichnet.   Diese   Luftbewegung   dient   den   Kuratorinnen   Verena   Kaspar-Eisert   vom   KUNST HAUS   WIEN   und   Liddy   Scheffknecht   von   der   Universität   für   angewandte   Kunst   Wien   als Titel: WENN DER WIND WEHT. Aber   kann   die   Ausstellung   6   bis   8   Beaufort   überhaupt   erreichen,   um   dem   Titel   gerecht   zu werden?   Denn   erst   ab   dieser   Stärke   spricht   man   von   starkem,   steifen   oder   stürmischen Wind .   Das   Ziel   ist   es,   das   unsichtbare   Element   und   dessen   Facetten   sichtbar   zu   machen.   Mit fotografischen    Methoden,    aber    auch    Installationen,    die    einfältiger    nicht    sein    könnten: Ventilatoren.   Womit   denn   sonst   -   fragen   Sie   sich   jetzt?   Mit   genau   den   Mitteln,   die   man   in der Ausstellung   so   stark   vermisst.   Mit   Kreativität.   Der   MÜRZPANTHER   hat   im   Kunsthaus   Wien die Ausstellung,   die   mehr   über   das   Luftholen   und   das Atmen   erzählt   als   der Titel   verspricht, besucht … bis 18. August 2022.
ACHTUNG! Dieser Artikel enthält folgende Ausdrücke:
Hier   ist   eine   kleine Anmerkung   am   Rande   über   das   Glücksgefühl   in   einer   Stadt   vonnöten,   die sich   selbst   als   anders   sieht,   mit   den   so   oft   propagiert   gut   funktionierenden   öffentlichen Verkehrsmitteln   von   einem   Bezirk   in   einen   anderen   zu   fahren.   In   meinem   Fall   vom   17.   in den    3.    Bezirk.    Smartphone    heraus    (wer    eines    hat),    Verbindungen    auf    wienerlinien.at anzeigen   lassen   und   los   geht   es:   43   Minuten,   zu   Fuß,   dann   den   43er,   Linie   1   und   wieder   ein kleines   Stück   zu   Fuß.   Super.   Ich   gehe   das   kleine   Stück   zur   Haltestelle   des   43er   zu   Fuß   und warte:   11   Minuten   (weil   Samstag).   Ich   steige   in   die   Straßenbahn   und   komme   nach   geraumer Fahrzeit   am   Schottentor   an.   Dort   möchte   ich   den   1er   nehmen.   Fehlanzeige,   er   ist   wegen Demos   kurzgeführt   und   am   Ring   eingestellt.   Um   weiter   zu   kommen,   wäre   der   Karlsplatz nicht   so   schlecht:   nur   die   U2   fahrt   dort   nicht   mehr   hin!   Also:   U2   zur   U4   und   dann   auf   den Karlsplatz.   62   Minuten   bereits   jetzt.   Dann   könnte   ich   zwei   Stationen   wieder   zu   Fuß   gehen, um   die   kurzgeführte   Straßenbahn   für   drei   Stationen   zu   nehmen.   Hier   beschließe   ich,   mir   das Auto   meines   Bruders   auszuborgen.   17   Minuten   zusätzliche   Gehzeit,   7   Minuten   Fahrzeit   mit dem   Auto   und   immerhin   ein   Parkplatz   in   der   Nähe   des   Kunsthauses.   Ich   komme   nach   1 Stunde und 26 Minuten schon richtig gut gelaunt an. Als   ob   meine   Odyssee   nicht   bereits   klimafreundlich   genug   wäre,   erstaunt   es   mich   oft,   wie leicht   es   sich   teilweise   die   Kuratoren   von Ausstellungen   machen   -   man   setzt Ankerworte   wie Klimakrise,    Luftverschmutzung    oder    auch    Naturkatastrophe    ein,    um    einen    inhaltlichen Rahmen   zu   erschaffen.   Sich   außerhalb   dieser   Szenarien   intellektuell   mit   einer   Materie auseinanderzusetzen,    scheint    zu    schwierig.    Dabei    möchte    die    Schau    als    verbindendes Element   zwischen   Orten,   auch   als   Trägerin   von   Gerüchen   und   Geräuschen   durchaus   in   die Tiefe    gehen.    Alleine    sie    tut    es    nicht!    Österreichische    und    internationale    Künstler verschiedener   Generationen   reflektieren   die   lebensspendende   Atemluft,   die   zerstörerische Kraft des Windes, Luftverschmutzung und den Klimawandel. Sehr korrekt.  
Die Arbeiten   setzen   sich   auch   mit   dem   Fliegen   und   Geoengineering   auseinander,   nutzen   Luft als    (Antriebs-)Kraft,    reflektieren    wissenschaftliche,    experimentelle    und    alchemistische Zugänge   zur   Luft   –   von   der   leichten   Brise   bis   zu   Stürmen   und   Hurrikans.   Der   Eindruck   wird erweckt,   dass   sich   die   Künstler   mehr   mit   den   sozialen   Aspekten   beschäftigen   als   mit   der Fotografie. Denn hier fehlt es an Qualität. Die   Fotografien   wirken   wie   aus   einem   Fotoklub,   ein   Thema   wird   gestellt   und   alle   legen   los… Es   ist   ein   wirres   Durcheinander   verschiedener   Aspekte,   die   nur   über   einen   willkürlich   ge- wählten   Titel   zusammengehalten   werden.   Aufgeblasene   Plastikfolien   -   sehr   umweltfreund- lich!   -   wechseln   sich   mit   in   Sträuchern   verfangen   -   arrangierten   Plastikfetzen   (vielleicht   von den    Bildern    vorhin)    in    verschiedenen    Sonnen/    Lichtsituationen    ab.    Diese    Plastikspuren dokumentiert   Eduardo   Leal   in   der   Serie   Plastic   Trees    von   2014,   die   der   Wind   über   weite Distanzen    getragen    hat    und    die    schließlich    in    Büschen    (ich    glaube    nur    ein    Busch    aus verschiedenen   Richtungen   fotografiert)   hängenbleiben.   Sie   bedeuten   den   Tod   für   Pflanzen und   Tiere,   verunstalten   die   unberührten   Landschaften   (die   es   noch   wo   gibt?)   und   ihre Zersetzung   wird   Jahrhunderte   dauern.   So   wie   diese   bestehen   die   meisten   Fotostrecken   aus mehreren   Fotografien,   die   Idee   jedoch   reicht   thematisch   bei   vielen   kaum   für   eine   einzige. Aber    der    Zug    der    Zeit    ist    die    Wiederholung    -    bis    zur    Überzeugung    oder    der    totalen Belanglosigkeit.
Letztlich   wird   der   Besucher   aber   doch   noch   mit   Fotografie   konfrontiert.   Vorbei   an Arbeiten von   Emily   Parsons-Lord   die   in   einem   3-Kanal-Video   Ansprachen   von   Politikern   zum   Thema Klimawandel    zusammenschneidet,    oder    an    ihrer    interaktiven    (das    kommt    immer    gut!) Installation,   in   der   sie   Luft   aus   verschiedenen   erdzeitlichen   Epochen   nach   speziellen   Rezep- turen,    beruhend    auf    wissenschaftlichen    Berechnungen,    anfertigen    hat    lassen    und    die „verkostet“   werden   können.   Vorbei   auch   an   Ulrike   Königshofer,   die   mit   ihrer   Arbeit   wind, recorded    die   flüchtige   und   einzigartige   Bewegung   eines   natürlichen   Windes   aufzeichnet   und in    einem    Übersetzungsprozess    speichert    (Sie    verstehen!)    und    jenen    Wind    über    einen Ventilator   wiedergibt,   der   am   27.   Oktober   2015   im   Wiener   Naturschutzgebiet   Lobau   wehte. Vorbei   an   Sjoerd   Knibbeler,   der   sich   mittels   eines   Fotoapparates   Gedanken   zu Techniken   (der Aerosoleinspritzung)   zur   Abkühlung   der   steigenden   Erdtemperaturen   macht.   So   als   reihte man Buchstaben willkürlich nebeneinander und behauptet, es sei Lyrik. Sehr bescheiden.   Die   Fotografie,   die   als   solches   Bestand   hat,   stammt   von   Peter   Piller.   Er   kombiniert   in   seiner Arbeit     Immer    noch    Sturm    schwarz/weiß    Bilder    der    stürmischen    See    mit    Landschaften verlassener    Kriegsschauplätze    aus    dem    ersten    Weltkrieg.    Die    Wellen    und    das    Wogen beeindrucken   in   ihrer   Natürlichkeit   und   Wucht,   die   Landplätze   nehmen   sich   bescheiden   und unmerklich   dagegen   aus.   Der   Eindruck   der   Naturgewalt,   die   aber   nicht   ängstigt,   wird   erst durch   die   s/w   Darstellung   hervorgerufen.   Alle   Bilder   dieser   Serie   stammen   aus   Büchern (vielleicht   aus   fotografischen   Bildbänden   über   das   Meer   -   wodurch   sich   die   Qualität   erklärt) oder von Postkarten der damaligen Zeit. Das   Resumee   ist   ernüchternd:   Nach   vielen   hervorragenden   Ausstellungen   enttäuscht   das Kunsthaus   Wien   auf   der   gesamten   Ebene.   Die Ausstellung   mutet   fast   provinziell   an   und   wäre besser   im   ehemaligen   Bahnhof   von   Neuberg   an   der   Mürz   aufgehoben.   Aber   dort   ist   man Qualitativeres gewohnt - und Fotografie.
Susan      Walsh   Wind   Drawing   9,   Beacon   NY,   2018 Susan Walsh
NACH OBEN NACH OBEN
Atmen   Sie   ein   oder   tief   durch. Auch     im     oberen     Stockwerk werden   Sie   einen   langen   Atem brauchen.
70er    Jahre?    Nein!    Eine    Instal- lation   von    Ulrike   Königshofer: wind recorded aus 2015.