der muerzpanther
WEIL DIE FRAUEN ES SO WOLLTEN… Eine    der    großen    Herbstausstellungen    in    Wien    ist    in    der    Albertina    Amedeo    Modigliani gewidmet.   Der   Todestag   am   24.   Jänner   1920   ist   ein   gebührender   Anlass   dafür.   Über   die archaischen   und   außereuropäischen   Einflüsse   auf   die Avantgarde   und   somit   auf   Modigliani   zu Beginn   des   20.   Jahrhunderts   ist   viel   in   der   Ausstellung   zu   erfahren.   Ebenso   über   die   neue Ästhetik,   beeinflusst   von   Derain,   Picasso   oder   Brancusi.   Die   Ausstellung,   die   noch   bis   9. Jänner   2022   zu   sehen   ist,   präsentiert   dabei   das   Werk   des   Malers   auf   ganzheitliche   Weise: seine Zeichnungen, Skulpturen und Gemälde gleichzeitig. Die   Kunstgattungen   wurden   nicht   getrennt   beleuchtet,   sondern   können   im   gleichen   Kontext und    im    Zusammenhang    zueinander    betrachtet    werden.    In    Modiglianis    gesamtem    Œuvre lassen   sich   die   Einflüsse   der   Kunst   der   verschiedensten   Weltkulturen   festmachen,   denen   er als    junger    Maler    nach    seiner    Ankunft    in    der    Kunstmetropole    Paris    im    Louvre    und    im ethnografischen   Museum   begegnet   und   deren   formale   Reduktion   auf   das   Wesentliche   ihn   so sehr beeindruckt, dass er diese in sein Werk wie kein anderer aufnimmt. Der    daraus    resultierende    Stil    des    »Primitivismus«    wird    auch    als    Epochenbezeichnung gesehen,     ähnlich     den     Stilbegriffen     des     »Impressionismus«     oder     »Fauvismus«.     Der MÜRZPANTHER    hat    die    sehenswerte    Ausstellung    besucht    und    möchte    sich    wegen    des faszinierenden Eindruckes in Folge den Akten näher widmen.
ACHTUNG! Dieser Artikel enthält folgende Ausdrücke:
Modigliani   betont   die   Rundungen   des   Körpers,   wodurch   die   Akte   sehr   sinnlich   erscheinen. Die   Nähe   zum   Betrachter   wird   natürlich   auch   durch   die   Auswahl   des   Ausschnittes   betont: meist   sind   die   Beine   unter   den   Knien   abgeschnitten.   Es   geht   eine   Faszination   von   den Portraits   und   den   Akten   aus.   Aber   lässt   sich   das   nur   mit   der   Modigliani   eigenen   Ästhetik begründen?   Sind   die   Gesichter   wirklich   nur   Form   –   oder   kann   sich   auch   etwas   persönliches darin entwickeln und ausdrücken? Worin liegt die Anziehungskraft? Die    eigenwillige    Malweise    des    Künstlers    formt    sein    Gegenüber    und    macht    es    unver- wechselbar.   Dazu   zählt   auch   der   meist   sehr   karge   Hintergrund,   der   den   Blick   auf   das   Gesicht konzentriert   und   damit   sofort   eine   Verbindung   herstellt.   Über   den   gesellschaftlichen   Status des   Portraitierten   erfährt   man   dadurch   aber   nichts,   was   aber   der   Beziehung   keinen Abbruch tut:   Ein   Stuhl   oder   eine   Tischkante   undefinieren   ein   Ambiente.   Mythologisierung,   Symbolik oder   Beiwerk   fehlen   zur   Gänze.   Seine   Bilder   stellen   Charakter   und   Persönlichkeit   in   den Vordergrund   –   aber   wie   weit   erkennbar   ist   das   im   Gesicht?   Die   klassische   Schablone   ist   für diesen   Maler   sicher   nicht   anzuwenden   –   die   anatomische   Sichtweise   als   Basis   von   Portrait- malerei.   Betrachtet   man   die   Ölportraits   dieser Ausstellung,   beginnen   sich   die   Charaktere   zu entwickeln:   sie   beginnen   ihre   Eigenheiten   zu   leben   und   dem   Portrait   ihren   Namen   einzu- schreiben.
Modigliani   malte   ungefähr   dreißig   Akte,   für   die   er   bereits   früh   bewundert   wird   und   die   ein Zehntel   seines   Gesamtwerkes   darstellen,   ein   Teil   davon   erstmals   1917   in   Paris   ausgestellt. Jenes   im   Schaufenster   der   Galerie   rief   bei   den   Passanten   Bestürzung   und   Empörung   wegen »Verletzung des Anstands« hervor – mit Polizeieinsatz. Diese   Grenzüberschreitung   in   der   Gesellschaft,   die   zu   einem   hohen   Bekanntheitsgrad   des Künstlers   geführt   hat,   war   aber   sicher   nicht   Zweck   der   Akte.   Die   gewollte   Provokation   ist     100    Jahre    später    nicht    erkennbar.    Anstoß    wurde    an    der    Darstellung    der    Schamhaare genommen   –   ein   Novum   in   der   Aktmalerei.   Der   weibliche   Akt   findet   sich   durchgehend   als zentrales   Thema   und   Sinnbild   von   Schönheit   in   der   Geschichte   der   Kunst   –   durch   die Ausein- andersetzung   mit   Form   und   Farbe   des   Körpers,   sowohl   des   Künstlers   als   auch   des   Betrach- ters.   Vor   allem   die   späteren   Akte   Modiglianis   folgen   in   ihren   Bildachsen   und   damit   ihrer Haltung   der   Kunstgeschichte:   Tizian,   Velazquez   oder   Ingres   –   die   durch   Mythologisierung   die Zurschaustellung    des    nackten    weiblichen    Körpers    in    voyeuristischem    Sinne    umgehen konnten.   Modigliani   verstärkt   auch   durch   den   reduzierten   Hintergrund   –   meist   in   Rot-   oder Brauntönen   gehalten   –   des   Betrachters   Blick   sinnlicher   Natur   auf   die   Dargestellte.   Eine   bis dahin   beispiellose   Nähe,   Erotik   erzeugende   Farbgebung,   die   Stilisierung   der   Silhouetten   und die   Formalisierung   der   Kurven   erzeugen   das   etwas   andere   und   neue   selbstsichere   weibliche Bild.   Modigliani   führt   die   klassische   Schönheit   in   die   Moderne.   Er   führt   die   Venus   in   eine echte   Frau   über.   Nicht   symbolisch   überladen,   sondern   in   ihrer   Körperlichkeit,   wie   sie   ist   mit Schambehaarung.
Modigliani   trinkt   viel,   zieht   oft   um,   wechselt   regelmäßig   mit   all   seinen   Gemälden   die Ateliers    und    wird    von    Mäzenen    unterstützt.    Während    des    ersten    Weltkrieges    bleibt Modigliani   in   Paris   und   malt   nicht   wie   viele   seiner   Künstlerkollegen   Zerstörung   und   Gewalt   sondern   weiter Akte,   die   in   rascher   Folge   im   Jahre   1917   entstehen.   Bei   diesen   Darstellungen spielten   keine   Masken   im   Gegensatz   zu   den   Portraits   eine   Rolle   -   er   wollte   und   konnte   die Aura   einfangen,   die   die   Modelle   ausstrahlten:   Sinnlichkeit   ohne   Beiwerk.   Der   Körper   als Lichtquelle.    Das    ist    natürlich    den    Farben    zuzuschreiben,    die    er    wie    niemand    anderer einsetzt und die nicht einer Hautfarbe entsprechen müssen. Modiglianis   Blick   auf   seine   Akte   liegt   auch   auf   der   frischen   Erotik,   die   sexuell   wirkt:   der Körper   zwischen   Hals   und   Oberschenkel.   Man   darf   aber   nicht   übersehen,   dass   die   Frauen   auf den   Gemälden   so   dargestellt   sind,   weil   sie   es   so   wollten.   Viele   Frauen   waren   professionelle Aktmodelle,   nach   dem   Ende   des   ersten   Weltkrieges   vor   allem   durch   ökonomischen   Notwen- digkeit.   Überliefert   ist,   dass   diese   Modelle   damals   fünf   Francs   erhielten,   der   Lohn   eines Fabrikarbeiters waren zwei bis drei Francs am Tag.
Amedeo Modigliani Sitzender Akt (Detail), 1917 Öl auf Leinwand Royal Museum of Fine Arts Antwerp, www.artinflanders.be Foto: Rik Klein Gotink
Amedeo Modigliani Mädchen    mit    rotem    Haar,    1918,    Öl    auf Leinwand, Privatbesitz
Amedeo Modigliani Elvira   mit   weißem   Kragen,   1917/18,   Öl   auf Leinwand ©Fonds de dotation Jonas Netter
Amedeo Modigliani Liegender   Frauenakt   auf   weißem Kissen, ca. 1917 Öl auf Leinwand Staatsgalerie Stuttgart © bpk, Staatsgalerie Stuttgart
Amedeo    Modigliani        Weiblicher    Halbakt, 1918,   Öl   auf   Leinwand ALBERTINA,   Wien   Sammlung Batliner
Modigliani in seinem Atelier, 1915, Foto: Paul Guillaume
Mangels   professioneller   Aktmodelle   greift   Modigliani   in   seinen   letzten   zwei   Lebensjahren auf   Prostituierte   zurück,   malt   sie   im   Gegensatz   zu   1916/17   nun   aber   schamhaft   bedeckt. Und   er   porträtiert   vor   allem   seine   Nächsten,   besonders   Jeanne   Hébuterne.   In   diesem Zusammenhang   sticht   der   letzte   Akt   hervor:   Weit   entfernt   von   der   aufwühlenden   Farbge- bung   der   Haut,   die   Beine   bis   zu   den   Zehen   dargestellt,   Ruhe   ausstrahlend   mit   geschlossenen Augen   -   von   Jeanne.   Überhaupt   stellen   die   später   gemalten   Werke   eine   andere   Ruhe   dar, Portraits   sind   verändert   in   der   Farbgebung,   mit   noch   immer   farbreduziertem   Hintergrund, aber    helleren,    „freundlicheren“    Farben    wie    türkis    oder    blau    mit    geringen    Kontrasten. Vielleicht   weil   der   größte   Teil   zu   dieser   Zeit   Portraits   seiner   Frau   sind.   Die   Beziehung   endet tragisch.   Modigliani   stirbt   1920   an   Tuberkulose,   seine   im   achten   Monat   erneut   schwangere Frau   Jeanne   stürzt   sich   als   unverheiratete   Mutter   einer   erst   vierzehn   Monate   alten   Tochter, verstoßen   von   ihrer   Familie   und   mittellos,   zwei   Tage   nach   seinem   Tod   aus   einem   Fenster der Wohnung ihrer Eltern. Unbestritten    haben    die    Akte    und    Portraits    Anziehungs    -    und    Ausstrahlungskraft.    Die Versteigerung eines Aktes brachte vor zwei Jahren 170 Millionen Dollar.
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