der muerzpanther
VENEDIG - 16. JAHRHUNDERT Inspiriert   von   der   Liebespoesie   und   Literatur   schufen Tizian   und   seine   Zeitgenossen   poetisch- erotische,   idealisierte   Frauenbildnisse.   Sie   werden   wegweisend   für   die   europäische   Malerei der   nachfolgenden   Jahrhunderte.   Die   Schau   beleuchtet   das   venezianische   Frauenbild   vor dem   Hintergrund   der   Ideale   und   Gesellschaftsverhältnisse   des   16.   Jahrhunderts.   In   Tizians Frauenbildern   geht   es   um   die   Zelebration   der   Frau   als   großartigstes   Thema   des   Lebens,   der Liebe und der Kunst. Von wunderbarer Süße tief erfüllt, die mir mein Blick an jenem Tage schenkte - oh, daß sich Nacht auf meine Augen senkte und alle mindre Schönheit mir verhüllt -, riß ich mich von ihr los, doch so gewöhnt ist schon mein Geist, nur immer sie zu sehen, ist sie`s nicht, ohne Blick vorbeizugehen, daß er, was andren schön heißt, nur verhöhnt. In dieses Tal, verschlossen, öd und wild, nach Kühlung suchend für mein mattes Leben, kam ich voll Harm, von Armors Hand geleitet; hier, wo mich Stein und Quell allein umgeben, seh ich nur jenes Tages süße Bild, das mich, wohin ich schaue, stets begleitet.
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Zitat aus: Francesco Petrarca (1304 - 1373), Gedichte, dtv München, 2004 Beginnen   wir   mit   der   Darstellung   der   Hintergründe.   Sie   sind   in   sehr   einfacher   Farb-   und Bildsprache   gehalten   und   lenken   die   Blicke   von   der   Dame   nicht   ab.   Es   gibt   keine   Symbolik, die   eine   bestimmte   Stellung   der   Portraitierten   verrät,   ebenso   wenig   wie   ihren   gesellschaft- lichen   Stand   oder   ob   es   sich   um   einen   verheiratete   oder   ledige   Dame   handelt.   Dabei   stammt Tizian   aus   den   Dolomiten,   also   aus   den   Bergen,   wo   es   lange   schon   die   Tradition   gibt,   die Schürze   des   Kleides   auf   der   jeweiligen   Seite   -   je   nach   Familienstand   der   Trägerin   -   zu binden.   Die   Schleife   rechts   gebunden,   so   wie   auf   Tizians   Bild   Junge   Frau   bei   der   Toilette   würde   heutzutage   den   Hinweis   darauf   geben,   dass   die   Dame   vergeben   ist.   Vielleicht   gab   es zu Tizians Zeiten, Anfang des 16. Jahrhunderts in Venedig ebenfalls eine solche Tradition. Diese   Fragen   werden   sich   wahrscheinlich   nicht   mit   Sicherheit   beantworten   lassen   -   allenfalls mit   Spekulation.   Genauso   wird   man   in   der   Recherche   keine   Namen   der   Damen   erfahren können.   Waren   es   Auftragswerke   oder   eigenen   Kreationen   mit   einem   konkreten   Modell?   Die Beantwortung   ist   nicht   immer   das   Wichtige,   hat   doch   Tizian   mit   einer   bis   dahin   nicht   da- gewesenen   Kunstfertigkeit   seine   Frauenbilder   als   Sinnbild   des   Schönen   gestaltet.   Spekulati- onen   und   überraschende   Wendungen   zu   historischen   Interpretationen   gibt   es   natürlich   auch bei   den   Damen,   die   ihre   Brust   entblößen.   Ging   man   früher   davon   aus,   dass   es   sich   um Kurtisanen   handelt,   die   ihre   Dienste   anbieten,   deutet   man   diese   Geste   heute   als   Beteuerung der   Wahrheit,   der   Treue   und   als   Akt   des   Einverständnisses   zur   Ehe.   Diesbezüglich   kann   ich nur sagen: der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Interpretation.
Die   Ausstellung   möchte   den   Facettenreichtum   des   Themas   zeigen   und   die   unterschied- lichen   Gesten,   Blicke   und   Attribute   genauer   ins   Auge   fassen.   Vom   konkreten   Porträt   zu idealisierten,   von   der   Poesie   inspirierten Abwandlungen   werden   die   Themen   Liebe   und   Be- gehren   in   historischen,   mythologischen   und   allegorischen   Darstellungen   in   Szene   gesetzt. Le   belle   Veneziane    –   eine   Anfang   des   16.   Jahrhunderts   aufkommende   Gattung   weiblicher Halbfigurenbilder   zwischen   Portrait   und   Idealbildnis   –   einigt   ihre   Schönheit.   Ob   sie   auch   so erotisierend   ist,   wie   im   umfangreichen   Ausstellungsbooklet   beschrieben,   überlasse   ich gerne   dem   Betrachter.   Die   Schönheiten   Venedigs   sind   meist   mit   sich   selbst   beschäftigt:   Sie ordnen   ihr   Haar,   beschäftigen   sich   mit   ihrer   Kleidung   und   blicken   uns   stets   selbstsicher   an oder   an   uns   Betrachtern   vorbei.   Dabei   sticht   das   Bild   von   Palma   il   Vecchio   heraus,   der   mit seinem   Portrait   einer   jungen   Frau ,   besser   bekannt   als   La   Bella “   ein   Bild   (siehe Abbildung oben)   von   außerordentlicher   Qualität   gemalt   hat.   Es   zeigt   eine   Frau   zwischen   Realität   und Idealisierung.   Ihr   kostbares   Kleid,   die   Unnahbarkeit,   die   durch   ihre   Haltung   erzeugt   wird, die   noble   Palastarchitektur   und   ihre   hoheitsvolle   Eleganz   kreieren   ein   zeitloses   Bildnis anmutiger Weiblichkeit. Der   Titel   der   Ausstellung   Tizians   Frauenbild   wird   schnell   erkennbar.   Tizian   lässt   uns   an privaten   und   intimen   Szenen   teilhaben,   Flora   um   1517   gemalt,   gilt   dabei   als   herausra- gend.   In   gelöster,   natürlich   anmutiger   Haltung   erscheint   die   Frau   greifbar   nahe.   Sinnlich- keit   verleiht   ihr   auch   das   herabgeglittene   weiße   Hemd,   das   ihren   linken   Brustansatz enthüllt.   Die   Frage,   ob   sie   als   antike   Gestalt,   als   Braut   oder   als   Kurtisane   gemeint   ist, verliert   angesichts   der   Bildwirkung   an   Bedeutung.   Hochkarätige   Leihgaben   internationaler Museen   und   Privatsammlungen   unterstreichen   gemeinsam   mit   ausgesuchten   Werken   des KHM den Facettenreichtum dieses Themas. Tizian    war    ein    sehr    vielfältiger    Maler,    und    galt    seinen    Zeitgenossen    als    bedeutender Portraitist,   dessen   Werke   als   lebensecht   und   ansprechend   gelten.   In   den   1530er   Jahren entwickelte   Tizian   jenen   Stil,   der   in   großen   Altarbildern   und   Mythologien   Sinnbegriff   für die    „venezianische“    Malerei    auf    der    Basis    der    Farbgebung    und    deren    Zusammenspiel wurde.
Bartolomeo Veneto (?–1531) Idealbildnis    einer    jungen    Dame    als „Flora“, um   1520,   Pappelholz,   43,6×   34,6   cm, Städel Museum, Frankfurt am Main In    manchen    Bildzuschreibungen    fin- det    man    statt    dem    Wort    Dame     das Wort   Kurtisane ,   das      eine   in   adligen Kreisen   für   Liebesdienste   zur   Verfü- gung stehende Frau bezeichnet.
Die   Ausstellung   zeigt   aber   nicht   nur   die   idealisierte   Schönheit   der   Zeit,   sondern   streicht auch    Beiwerk    wie    Schmuck    oder    die    getragenen    Gewänder    hervor.    Man    erfährt,    dass goldene   Ringe   Zeichen   des   Ehestandes   sind   oder   dass   das   Tragen   von   Perlenketten   den Venezianerinnen   seit   1562   nur   in   den   ersten   zehn   Jahren   nach   der   Hochzeit   erlaubt   war. Auch   Halsketten   aus   filigranem   Glas,   wie   sie   in   Venedig   oder   auch   Innsbruck   für   einen exklusiven   Kundenkreis   hergestellt   wurden,   sind   Zeichen   der   eleganten   Lebenswelt,   in   der sich   der   Maler,   der   eine   bedeutende   Stellung   innehatte,   bewegte.   Ausstellungsgegenstände wie   Medaillons   oder   Schriftstücke   werden   dank   der   Kuratorin   Sylvia   Ferino-Pagden   und   der Ausstellungsgestaltung   von   Gerhard   Veigel   analog   erlebbar   und   sichtbar   gemacht   und   nicht durch   virtuelle,   sinnlose   Interaktionen   für   den   Besucher   aufbereitet.   Dasselbe   trifft   für   die sozialen    und    gesellschaftlichen    Hintergründe    der    damaligen    Zeit    zu.    Das    Fehlen    des erhobenen,   selbstgerechten   Zeigefingers   negiert   ja   nicht   gewisse   Ungleichstellungen   des 16.Jahrhunderts,   deren   sich   ohnedies   jeder   bewusst   ist,   sondern   erleichtert   es,   sich   den kulturellen   Höhepunkten   der   europäischen   Malerei   zu   widmen.   Das   zeichnet   die Ausstellung aus.   Der   Schwerpunkt   liegt   nicht   auf   Schuldzuweisungen   und   ist   damit   nicht   zeitgeistig! Erfreulich! Die   Ausstellung   endet,   wie   sie   selbst   in   Italien   nicht   besser   enden   kann:   die   Schönheit gipfelt    in    der    Darstellung    der    Venus.    Die    Göttin    der    Liebe    war    Inbegriff    der    idealen Frauengestalt   und   die   Verkörperung   weiblicher   Schönheit.   Sowohl   Tizian   als   auch   Künstler- kollegen   wie   Palma   Vecchio   und   Paris   Bordone   studierten   aufmerksam   die   Werke   ihrer Vorgänger   und   Zeitgenossen,   setzten   sich   mit   antiken   Skulpturen   und   Liebesliteratur   aus- einander   und   übertrugen   das   Erlernte   auf   ihre   Figuren.   Sie   malten   aber   auch   fallweise   nach der   Natur,   also   nach   nackten   weiblichen   Modellen.   Der   letzte   Raum   der Ausstellung   vervoll- ständigt   die   perfekte   Inszenierung.      Der   Besucher   nähert   sich   –   umrahmt   von   Gemälden,   die Titel   tragen   wie:   Venus   und   Amor ,   Nymphe   und   Schäfer,   Venus   und   Adonis ,   der   in   der Raummitte   platzierten   und   subtil   beleuchteten   Aphrodite   Kallypigos .   Sie   verdankt   ihren Beinamen   ihrem   schönen   Gesäß.   Sie   hebt   ihr   Gewand   und   dreht   den   Kopf   zurück,   um   sich selbst   zu   bewundern   und   bewundern   zu   lassen.   In   dieser   Situation   trifft   sie   den   Blick   des Besuchers, der über das Ideal, geboren in der Antike, keine Fragen mehr offen hat.
Palma il Vecchio (1480–1528) Porträt einer jungen Frau, bekannt als „La Bella“ Um 1518/20, Leinwand, 95 × 80 cm Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid
Ausstellungsansicht "Tizians Frauenbild" © KHM-Museumsverband Die     wunderbare     Aphrodite Kallypigos     ist    schöner    nur noch in der Rückenansicht!
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